Auf ins Hausprojekt

Teil eins

Ich hatte beschlossen, ein schönes Leben zu führen, also wollte ich Kinder haben. Die Kinder sollten auch ein schönes Leben haben. In meiner romantischen Vorstellung – denn es ist leicht, Romantik und Kinder zusammenzubringen – sollen Kinder Platz haben, ihren Spielen zu folgen. Sie sollen verschiedenerlei Menschen und Lebensweisen kennen und gute Beziehungen zu Menschen jeden Alters knüpfen, auch stabile. Die Beziehung zu mir sollte eine solche stabile sein, aber nicht die einzige. Und… – Ob das in meinem Herzen zu einem schönen Leben dazugehört? Offenbar. – ich wollte, dass Linkssein in der Umgebung der Kinder die Normalität und nicht die Ausnahme sei.

Linkssein, politisch sein. Für die Entscheidung, in ein Hausprojekt zu ziehen, war der Wunsch nach einem politischen Leben ausschlaggebend. Denn neben dieser Romantik, die übrigens auch die Liebe zu meiner Freundin einschließt, grenze ich mich entschlossen von gesellschaftlichen Vorgaben ab, die ich falsch finde und setze viel Energie darein, solchen Vorgaben zu entgehen.

Welchen gesellschaftlichen Vorgaben wollte ich entgehen, wovon habe ich mich abgegrenzt?

Erstens: Ich habe mich vom Fatalismus der Lohnarbeit¹ und der Abwertung und gegenwärtigen Verteilung von Haushalts- und Fürsorgearbeit abgegrenzt:
Strukturell ist es ein Problem des Kapitalismus, dass die meisten überlebenswichtigen Taten nicht in das Lohnarbeitssystem passen. Dadurch werden sie unsichtbar, in der Regel werden solche Tätigkeiten in Wirtschafts-Analysen weggelassen. In marxistischen Kreisen heißen viele davon „Reproduktionsarbeit“. Repro. Unabhängige politische Arbeit gehört aber auch dazu.

Zweitens: Ich habe mich von der Ideologie, derzufolge das wahrgenommene biologische Geschlecht bestimmt, wie Menschen sich verhalten sollten, abgegrenzt. Zum Beispiel kritisierte ich das Konzept komplementärer Elternrollen: Als Co-Mutter in einer lesbischen Beziehung hatte ich stärker als viele meiner hetero-Freund*innen das Gefühl, dass Vater- und Mutterrolle für mich gleichermaßen in Frage kommen. So fraglos ich Elternschaft mag, so wenig überzeugen mich aber diese beiden zentralen Rollen, die im Angebot sind. Vaterschaft steht oft für eine Person, die vielleicht die Familie ernährt oder vielleicht abtaucht, deren Beziehung zum Kind unterschiedlich gestaltet sein kann, unter anderem völlig verantwortungsfrei und ganz selten als erste Geige.² Mutterschaft steht regelmäßig für eine komplementäre Rolle. Der allgemeinen Erwartung nach kann eine Mutter der Fürsorge fürs Kind verschieden viel Raum geben, aber niemals die letzte Verantwortung teilen. Die Kehrseite aus diesem Anspruch auf das Kind ist die ebenso allgemeine Erwartung an die Mutter, sich auf Kosten der eigenen Interessen aufzuopfern.³

Drittens: Ich wollte Solidarität nicht auf mich selbst oder die gesetzlich anerkannte Familie beschränken. Solidarität zeigt sich zum Beispiel im Umgang mit Geld, Essen, Dingen, Ämtern, Zeit und beim Kümmern, Trösten, Beraten.

Viertens: Ich wollte mich der Trennung zwischen freier Jugend und Elterngesellschaft nicht unterwerfen. Auf dem Arbeitsmarkt sollte man bekanntlich ja gesund, flexibel, unabhängig, mit ungeteilter Aufmerksamkeit einsetzbar sein. Dadurch entsteht der Eindruck, es sei normal, mit diesen Eigenschaften ausgestattet zu sein. Dabei ist es doch in Wahrheit für niemanden normal. Jeder Mensch wird hilflos geboren und die meisten sterben so auch wieder. Alle werden krank. Und alle gehen Bindungen ein. Auch in der Zwischenzeit sind alle auf die gesellschaftliche Versorgung angewiesen, sie kann aber für manche eine Zeit lang quasi ersatzweise über Geld organisiert sein (ich meine Essen und so weiter). Aber für eine kurze Zeit zwischen 18 Jahren und dem ersten Kind oder der ersten Krankheit oder dem ersten geliebten Menschen, der gepflegt werden muss, scheint es, als sei man unabhängig.

Daraus entsteht viel Schönes: Es ist das Bild von Freiheit, das ich kenne. Daraus entsteht aber auch verantwortungsloses Denken und Verhalten. Und es entsteht eine eigene Elterngesellschaft, in die Menschen ahnungslos eintreten, sobald sie Kinder bekommen. Diese ist abgeriegelt von der Außenwelt, ihre Mitglieder sind oft alleingelassen und voller Unverständnis für alle anderen, die in den anderen fernen Welten leben. Andere Sphären sind übrigens ebenso abgetrennt, wie etwa Leben im Alter oder Leben mit Behinderung. Freiheit sollte irgendwie anders funktionieren. In Verbindung.

Fünftens: Ich habe mich von der Abwertung von Kindern abgegrenzt. Kinder fallen wie so viele aus jener Schein-Normalität im Kapitalismus, nach der eine Gesellschaft aus lohnarbeitenden Individuen besteht. Im ökonomischen Sinn sind Kinder nicht nützlich. Damit geht einher, dass sie oft respektlos behandelt werden. Manchmal scheint es, ihr Menschsein stünde in Frage.*

Also zusammengefasst: Motiviert von antikapitalistischer und feministischer Kritik an den Zumutungen unserer Gesellschaft und aus Romantik zog ich in ein Hausprojekt. Ich wollte viel diskutieren und Politisches unternehmen. Putzen und reparieren und das Zusammensein mit Kindern mit mehreren Menschen teilen. Generationenübergreifend wohnen. Verbindungen eingehen. Rollenerwartungen in Bezug aufs Geschlecht nicht erfüllen und eine schöne Umgebung schaffen für das Kind, mit dem ich einzog.

Autor*in:

Lene liebt Kinder und Kapitalismuskritik. Sie wundert sich über die Hartnäckigkeit, mit der sie das Kinder-Thema in ihrem Hausprojekt eingebracht hat.

¹ dazu würde ich an anderer Stelle mehr sagen

² Dieses Ergebnis greift der Schuldfrage nicht vor. Ich kenne mehrere Väter, deren Kind gegen ihren Willen nicht bei ihnen aufwächstachsen.

³ Das sind Stereotype, ich meine nicht,: „so sind die Menschen“, sondern ich meine, dass es gibt zur Zeit wirkungsvolle Bilder gibt, die sich auf Verhaltenserwartungen niederschlagen. Zu beidem gibt‘s viele gute Studien und Erzählungen.

*Damit beschäftigt sich der Komplex der „Adultismus“-Kritik. Adultismus heißt, dass Kinder von Erwachsenen und auch strukturell nicht ernst genommen, sondern mit mangelndem Respekt und von oben herab behandelt werden. Adultismus benennt damit die Diskriminierung, die Kinder in unserer Gesellschaft erfahren.

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