Mama, Papa, Momo

von ViolA

Im Kontrast zu meinem anderen Text will ich auch noch eine schöne Erfahrung erzählen. Es geht darum, wie ich Pat*innen für mein Kind gesucht und gefunden habe und soll einen Einblick in unseren Umgang miteinander geben.

Rückblickend habe ich bereits vor der Geburt wie eine Löwin gekämpft (wie eine Löwin gekämpft, so formulierte meine Hebamme meinen Einsatz, nach der komplizierten Geburt des Kindes, irgendwie hat sich die Formulierung eingebrannt), um meinem Kind einen Zugang zu Bezugspersonen zu organisieren. Ich gehöre nicht zu den Menschen, die der Meinung sind, Mütter seien das einzige was ein Kind unter drei Jahren braucht. Aber ich gehöre aber auch nicht zu den Menschen die Eva Herrmann zu Rate ziehen in Sachen Kindeserziehung.

Da sich bereits um die Geburt abgezeichnet hat, dass ich alleinerziehend sein werde, habe ich also mit allen Kräften versucht Paten und Pat*innen für mein Kind zu finden, die sich kümmern wollen und eine Bindung zu ihm aufbauen. Am Besten über die obligatorische Geburtstagskarte hinaus. Ich bin zu diesem Zweck relativ direkt auf Menschen zu gegangen und hab dabei auch so einige Absagen kassiert. Wobei ich ja realistische Selbsteinschätzungen auch zu schätzen weiß. Besser ne Absage im Vorfeld, als Frust später.

Ich hab mir zuvor bereits überlegt, dass ich mich nicht auf zwei Pat*innen beschränken möchte, sondern so viele wie möglich sammeln will. Die Ressourcen der Menschen sind ja immer auch unterschiedlich gern auch mal knapp und ich möchte ja am liebsten eine verbindliche Basis.

Also gut, ich bin also seit der Schwangerschaft auf Pat*innensammlung. Die erste Patin ist eine gute Freundin aus meinem alten Wohnprojekt… Leider 300km entfernt… und ist gar nicht so reisefreundlich. Also weiter, ahh ja, eine meiner längsten Freund*innen wird Patin Nr. 2, ups wohnhaft in der Schweiz, brauche noch mehr, noch näher. Ahhja, eine kommt aus Leipzig. Patin Nr. 3. Schonmal nicht schlecht. Aber ich will mehr. Schließlich zeigt der Kindsvater kein Interesse das Kind kennen lernen zu wollen. Also entsteht an dieser Stelle schon mal eine enorme Bezugsmensch, Bindungs- und auch Betreuungslücke. Seine Eltern fanden zum Thema Enkelkind auch eine „nette“ Formulierung, indem sie mir schriftlich mitteilten, dass sie „von jeglichem Kontakt absehen“. Meine Eltern leben beide nicht mehr, also gibt‘s faktisch keine Großeltern. Sonstige Verwandtschaft gibt‘s keine in der Nähe und auch andere Bekanntschaften meinerseits stürzen sich nicht besonders drauf, sich verbindlich in die Kindesaufzucht einzubringen. Also bleibe ich dabei Pat*innen zu suchen.

Gute vier Monate ist mein Kind alt, als ich mit einigen Freund*innen auf ein Festival fahre. Ich bin an verschiedenen Punkten des Ausflugs positiv überrascht, wie aufmerksam einige wenige im Bezug auf mich und das Baby sind. Wir verbringen drei bis vier Tage zusammen und zum ersten mal fühle ich mich wirklich gesehen mit den Dingen, die eine neue Elternschaft mit sich bringt. Diese einigen wenigen haben Namen, die Mit A und M beginnen. Beide finden sich auch in dem Titel des Textes wieder, doch was das genau bedeutet, können die Schlauchens unter den Leser*innen heraus zu finden (das meiste ergibt sich beim Lesen des Textes). So gilt es doch in zeckigen Kreisen, stehts von der Nennung von Klarnamen abzusehen.

Zurück zum Thema: A & M fallen dadurch auf besonders aufmerksam zu sein. Zum Beispiel erlangen sie sogar in kürzester Zeit Überblick über die Abstände, in denen ich das Kind stille. Und mehr noch, sie checken es nicht nur, sie schauen mit mir nach geeigneten Orten und warten auch auf mich, obwohl sich der Rest der Gruppe weiter im Sog des Festivals befindet. Und noch mehr: sie bieten mir an, dass ich das Baby früh morgens zu ihnen bringe, damit ich nochmal schlafen kann. Am selben Abend zwischen zwei Stilleinheiten darf ich sogar feiern gehen und A&M sind beim Baby. Das war das erste Mal allein Feiern seit sehr langer Zeit.

Vielleicht klingt das nach gar nicht so besonderen Augenblicken, aber für mich war es besonders. Ich fühlte mich nicht wie die angespannte Alleinerziehende, wie der olle Klotz am Bein, mit diesen ganzen Bedürfnissen, sondern wie eine Person die gesehen wird und der gesagt wird, dass sie sau viel leistet und gern dabei unterstützt wird. Und die zudem ein Baby hat, welches zuckersüß ist und in das sich beide grad verlieben.

Perfekte Pat*innen!

Gegen Ende des Festivals hab ich deswegen vorsichtig gefragt, ob die beiden gerne Pat*innen werden wollen. Ich hab das in einem Redeschwall so formuliert, dass beide keine Zeit zur Reaktion hatten und ich meinte, sie sollen sich besprechen und auch nichts sofort sagen und dass es voll ok sei „Nein“ zu sagen. Ich hab dabei so sehr woanders hingeguckt, weil mir diese bedürftige Anfrage so unangenehm war, das ich fast die Rührung der beiden verpasst hätte, die die Frage hervorgerufen hat.

 Am nächsten Tag meinten beide, dass sie sich geehrt fühlen und sehr gern Pat*innen sein wollen. Ab diesem Punkt hatte ich die besten Pat*innen gefunden, die ich mir wünschen konnte. Ich bin öfter in der Versuchung sowas bescheuertes sagen zu wollen, wie „vom Himmel geschickt“. Hm… naja… vom Himmel geschickt nur ohne Glauben und Gott und so. Quasi im Universum bestellt, nur ohne Eso. Ihr wisst was ich meine!

 Ungefähr einmal im Monat, manchmal auch zweimal trafen wir uns in Berlin (Wohnort A&M) oder Leipzig (Wohnort ich & Baby) und sie haben mir so gut es ging das Kind abgenommen, mich mal schlafen lassen, Kind bespaßt, gefüttert und Windeln gewechselt. Und ich konnte mich zum ersten mal so richtig auslassen wie niedlich das Baby ist, wie gut er dies und jenes macht und dass er schon wieder eine neue Kleidergröße trägt. Sprich: das langweilige Zeugs was vielleicht Eltern oder Großeltern, also Menschen die einen engen Bezug zum Kind haben, ernsthaft interessiert. Und ich habe gemerkt wie wohltuend es ist nicht immer alles allein im Kopf zu haben. Wie schön es sich anfühlt die Zuneigung zu einem Menschen mit anderen zu teilen.

Ich hab dabei natürlich auch gemerkt wie sehr es mir im Alltag fehlt, dass keine Menschen sich so intensiv auf mein Kind beziehen. Aber natürlich freu ich mich auch, dass zwei Menschen eine so enge Bindung zu meinem Kind aufbauen und das relativ unabhängig von mir. Das bedeutet, dass es nicht die Freundschaft zu mir war, die die Grundlage für die Patenschaft war sondern, dass die beiden sich in mein Kind verknallt haben und auf dieser Grundlage unsere Freundschaft auf eine neue, verbindlichere, schöne Ebene geschoben hat.

Klar bringt das auch Schwierigkeiten mit sich. Plötzlich werden Erziehungsdinge verhandelt, Absprachen getroffen, unterschiedliche Reaktionen auf das Verhalten des Kindes besprochen und diskutiert. Wir haben festgestellt, dass es Sinn macht Erwartungen und Vorstellungen und auch Termine und Organisation abzustimmen und das es wichtig ist, sich dafür Raum zu nehmen. Ich bekam eine Idee davon wie es ist, wenn man nicht komplett allein für ein Kind verantwortlich ist.

Ich hab mal mit M. darüber gewitzelt, dass die beiden letztlich ähnlich oft für das Kind da sind, wie ein Wochenendvater. Die sind ja meines Erachtens nach eher in die Kategorie schlechter Vater einzuordnen. Also kümmern sich meine weltbesten Paten wie ein schlechter Wochenendvater. Kaum vorzustellen wie gut es mir in Sachen Entlastung gehen würde, wäre wirklich noch ein Wochenendvater in unserem Leben. Was nicht bedeuten soll, dass sich doch jede Alleinerziehende glücklich schätzen soll, wenn sie doch wenigstens einen Wochenendvater für das Kind hat. Ich hab am allerwenigsten Verständnis dafür, dass Väter sich nicht in mindestens gleichem Maße um die Kinder kümmern wie Mütter. Ich hab nur für mich persönlich gemerkt, wie gut es mir und auch wie der Beziehung von mir und meinem Kind tut, wenn ich ab und an Pausen hab. Und am Besten auch Pausen in denen ich einen Großteil meiner immer währenden Verantwortung abgeben kann. Denn mein Superpatenteam ist verlässlich und denkt mit, so dass ich ihnen überhaupt nichts nachtragen muss.

Trotzdem bleibt es, dass mein Kind keinen Vater hat, der sich um ihn kümmert. Das macht mich im Wechsel traurig, wütend, ohnmächtig und zum Teil fühle ich mich sogar schuldig. Es war damals mein Wunsch ein Kind zu bekommen, aber es war nicht geplant. Und auch wenn ich mit dem Kindsvater über Jahre befreundet war, hätte ich mir nicht vorstellen können, dass er sich so aus der Verantwortung zieht. Ich bin traurig, dass ein so grandioses Kind wie meins, keinen Vater hat. Das er, obwohl er noch so klein ist ,bereits dieses Päckchen zu tragen hat. Ich will mein Bestes geben, dass er diesen Zustand niemals auf sich bezieht, dass er wohlmöglich denkt, er sei nicht liebenswert genug oder ähnliches.

Ich bin wütend, dass es für den Vater überhaupt möglich ist sich aus der Verantwortung zu ziehen. Dass er sich einfach so nicht kümmert. Ich hätte das so nicht machen können (abgesehen davon, dass ich es auch nicht wollte). Hätte ich mich entschieden mich einfach nicht zu kümmern, hätte es nicht funktioniert. Ich hätte mindestens aktiv entscheiden müssen, dass sich andere Menschen kümmern oder ich wär längst im Knast, weil das Kind verhungert wäre… Das macht mich wütend. Auch dass ich so massiv über meine Grenzen gehen muss, weil ich zum Großteil allein mit dem Kind bin. Es scheiß egal ist, ob ich mal krank bin oder mies gelaunt oder was auch immer. Ich muss mich kümmern.

Seit einigen Monaten (mein Kind ist nun gut 2 Jahre alt) begreift er was ein „Papa“ ist. Und wenn andere Kinder ihre Väter so nennen, schnappt er es auf und nennt sie auch „Papa“. Das hat mich, als ich es die ersten Male gehört hab, traurig gemacht. Es ist absehbar, dass er bald fragen wird warum alle einen Papa haben und er nicht. Etwas wovor ich Angst habe, weil ich dann mit ihm thematisieren muss warum sein Papa sich nicht kümmert. Ich finde das schwer, ohne dass ich den Vater als unfähig hinstelle (was er dennoch ist, aber ich habe mir vorgenommen, das gegenüber dem Kind nicht zu sagen) und ohne dass mein Kind es auf sich bezieht, dass der Vater nicht da ist. Diese Problematik habe ich mit den Pat*innen besprochen und wir haben einen sehr schönen Umgang gefunden, der mir viel Zukunftsangst nimmt. Zwar können wir drei an dem Zustand, dass der sog. leibliche Vater sich nicht kümmert, nichts ändern, aber wir können dem Kind erklären, was einen Papa ausmacht. Nämlich, dass er sich um das Kind kümmert, ihn durchs Leben begleitet und liebt. All das was die beiden Paten tun. Also werden wir, wenn mein Kind nach seinem Papa fragt ihm sagen, dass er zwei Papas hat. Einen der ihn mit mir kreiert hat und einen A.-Papa. Und Momo klingt ja eh fast wie Mama. Mit dem Hintergrund, dass es eine Person gibt, die sich wie ein Papa benimmt (immerhin sehen sie sich beinahe jedes zweite Wochenende), fällt es mir auch leichter ihm so wertfrei wie möglich von dem anderen Papa zu erzählen.

Dafür, dass ich zusammen mit den Pat*innen unkonventionelle Lösungen finden kann, die den Fokus auf das Wohl des Kindes legen, bin ich unendlich dankbar. Und so kann auch mein Kind einen Papa haben. Und das unabhängig davon, ob ich mit dem Papa in einem Paarbeziehung bin oder er irgendeine Rolle in der Zeugung spielt.

So hat mein Kind eine Mama, einen Papa und eine Momo!

Autor*in:

ViolA * queerfeministisch * neben allen kapitalistischen Zwängen anarchistisch im Kopf * alleinerziehend mit ganz grandiosem Wirbelwind * findet so ziemlich alles wichtiger als Deutschland * schon mehr als 30 Jahre alt * mag koffeinfreien Kaffee mit Sojamilch * ist müde und öfter mal ratlos *

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