Linke Freiheit macht Kleinfamilien!

Thesen von Nicola

0. Jeder Mensch war einmal ein Baby. Um jeden Menschen hat sich irgendwer gekümmert.

1. Die Kleinfamilie ist der Schrecken der Linken.

Mit der Kleinfamilie sind zwei Erwachsene gemeint, die mit ihren leiblichen Kindern zusammenleben. Die Erwachsenen sind heterosexuell, lieben einander und sind wirtschaftlich voneinander abhängig. Der Vater verdient mehr Geld, die Aufgaben der Mutter sind zu einem größeren Teil unbezahlt. Und die Kinder sind Eigentum der Eltern.

2. Positiv beziehen sich Linke dagegen auf individuelle Freiheit.

Individuelle Freiheit bedeutet, von anderen Menschen unabhängig zu sein und jederzeit spontane Entscheidungen treffen zu können.

3. Ironischerweise hat der Kapitalismus jedoch beide Leitbilder hervorgebracht: Sowohl die Kleinfamilie als auch die individualistische Freiheit.

Der Individualismus stammt vom Menschenbild des Kapitalismus, nach dem jeder Mensch ein freier, ungebundener Marktteilnehmer und Arbeitnehmer sein soll. Im linken Freiheitsverständnis gibt es keinen Markt, aber der Mensch soll sich unabhängig von persönlichen Bindungen und von der Gesellschaft flexibel entfalten können.

Die Kleinfamilie ist das ältere Leitbild im westlichen Kapitalismus. Hier sind nur Männer Marktteilnehmer. Sie sind dadurch ungebunden, dass die restliche Familie ihnen folgt und sie bedient.

Hintergrund für solche Leitbilder ist die Aufteilung in wirtschaftliche und private Sphäre. Mit der kapitalistischen Entwicklung haben sich menschliche Tätigkeiten aufgespalten. Einerseits gibt es bezahlte Arbeit, die den Reichtum der Gesellschaft bestimmt und die sehr ernst genommen wird. Andererseits gibt es unbezahlte Arbeit, die beim Nachdenken über Wirtschaft kaum mitgedacht wird, obwohl sie lebensnotwendig ist. Die Leitbilder beziehen sich auf Menschen, die potent in diesem Wirtschaftssystem agieren können.

Patriarchal sind im Ergebnis beide Konzepte.

4. Im Moment sind Kleinfamilien die Kehrseite des Individualismus.

Als Ausbruch aus den Zwängen der Kleinfamilie suchen Heranwachsende nach individueller Freiheit. Und andersherum:

5. Die individuelle Freiheit von Linken leistet ihren Beitrag dazu, dass neue Kleinfamilien entstehen.

Mit der verbindlichen Fürsorge für Kinder (und andere Pflegebedürftige) ist das linke Freiheitsverständnis nicht vereinbar. Da gibt es fast keinen Unterschied zum Individualismus der restlichen Gesellschaft. Wer dann doch mit Kindern zusammenlebt, muss das alleine oder im kleinsten Kreis organisieren – das ist oft die Kleinfamilie. Paradoxerweise gilt in der linken Szene: Je weniger sich Menschen Kindern gegenüber solidarisch verhalten, desto stärker kritisieren sie die Kleinfamilie.

6. Weil Leute die Rollen von Nicht-Eltern überschätzen, begegnen sie Kleinfamilien mit Unverständnis.

Im selben linken Kontext, in dem Kleinfamilien ein Schreckbild sind, werden Bezugspersonen, die nicht Eltern sind, und Co-Elternschaft hochgehalten. Das ist großartig. Es gibt ja auch jede Menge soziale, nicht biologische Eltern; es gibt viele Familien mit mehr als zwei Eltern, es gibt Bezugspersonen von riesiger und von dauerhafter Bedeutung für Kinder. Im Moment führt die Wertschätzung solcher Rollen aber zur grandiosen Verwechslung mit anderen Beziehungen, die zwischen Kindern und Erwachsenen geknüpft werden, wie Babysitter*in, Mitbewohni, Bekannte*r oder guter Freund*in. Diese Beziehungen als Elternschaft zu bezeichnen ist zu hoch gegriffen. Die Verwechslung zeigt, dass Leute den Umfang der Fürsorge, den ein Kind braucht, nicht kennen und führt zu absurden Schlussfolgerungen.
Dürfen Erwachsene Kinder nicht kennenlernen, wenn sie bald ins Ausland fahren werden, weil Bezugspersonen langfristige Beziehungen führen müssen? Nein, man kann auch mit Kindern befreundet sein, sich gegenseitig vermissen oder sich aus den Augen verlieren! Sollte man von Co-Elternschaft sprechen, wenn man das Kind manchmal ins Bett bringt? Möglich, es kann sich aber auch um den/die Babysitter*in handeln. Ist es eine Care Community, wenn man akzeptiert, dass die Mutter das Kind nicht immer sofort zur Ruhe bringt? Nein, das ist ein Anzeichen dafür, dass die Gemeinschaft keinerlei Verantwortung übernimmt. Ist es dann eine Care Community, wenn man dem Kind antwortet und auch schwierige Situationen teilt? Vielleicht haben in diesem Fall die Erwachsenen schlicht Achtung auch vor Kindern.

Achtung, Akzeptanz, Babysitting, Sympathie und Freundschaft sind wertvolle Erfahrungen für Kinder. Es gilt, sie zu schätzen und ernst zu nehmen. Würdigen kann man auch Rollen, die nicht mit linkem Jargon bezeichnet werden: ein Onkel*, eine Nachbarin*..

Die Wortverwechslung verschleiert, was die übrig gebliebene Bezugsperson zu tun hat. Oder eben zwei übrigbleibende Bezugspersonen.

7. Die Alternative zur Kleinfamilie heißt in der Regel nicht Care Community, sondern Ein-Eltern-Familie

In einer Kleinfamilie, in der zwei Eltern sich ähnlich viel um ein Kind kümmern, hat zumindest eine Person mehr Verantwortung für ein Kind übernommen als in vielen anderen Fällen. Das kann man ruhig würdigen.
Denn die Regel ist, dass Mütter sich um Kinder kümmern, ob innerhalb einer Partnerschaft oder in der Form einer Ein-Eltern-Familie. Das gilt für Linke nicht wesentlich weniger als für alle anderen.

Ja, klar, es gibt die Väter*, die gefeiert werden für jede Nudel, die sie kochen. Aber gibt es nicht auch genug Väter*, deren Wunsch nach Freiheit eine hinreichende Erklärung dafür ist, dass sie ihr Kind nur besuchen kommen können? Und Mütter*, deren Wunsch nach Unabhängigkeit nicht etwa mit sich bringt, dass sie ihr Kind abgeben, sondern dass sie es ganz allein versorgen müssen?

Unabhängig davon, ob die Eltern ein Paar sind: Ein Vater*, eine lesbische zweite Mutter* und eine Co-Mutter*, die gleichberechtigt mit einem zweiten Menschen für ein Kind sorgen, passen in die bestehende Lohnarbeitsorganisation überhaupt nicht hinein. In die meisten Erwartungen auch nicht. Natürlich entgehen solche Leute nicht den Zwängen der Kleinfamilienstruktur, aber sie setzen dem patriarchalen Familienmodell eine schönere Form der Solidarität entgegen.

8. Die Lösung für das Zwangssystem Familie ist nicht: abwarten, wen das Kind sich sucht

Manche Linke fordern, dass Kinder sich ihre Bezugspersonen frei aussuchen sollen. Das Schlagwort dazu ist das sogenannte Zwangssystem Familie. Dabei geht es darum, dass Kinder ihren Eltern ausgeliefert sind. Das ist Fakt, und das Ergebnis ist oft brutal fürs Kind. Aber was ist die Alternative? Das Bindungsverhalten von Kindern funktioniert so, dass sie den ersten Menschen, die für sie sorgen, lange emotional ausgeliefert sind. Dazu kommt, dass sie ihre Ernährung, Hygiene und ihr Erfahrung-Sammeln jahrelang nicht selbst organisieren können. Falls sich kein Mensch bereit erklärt, eine absolute, praktische und liebende Verantwortung für ein Baby zu entwickeln, ist das Glück und das Überleben des Kindes gefährdet. Wer dieser Mensch oder diese Menschen sein könnte oder könnten, kann das Baby sich nicht aussuchen. Mit Biologie hat die Frage, wer das sein könnte, trotzdem nichts zu tun. Wohl aber mit einer uneingeschränkten Entscheidung eines Erwachsenen. Erwachsene müssen für Neugeborene die Verantwortung übernehmen. Denn das Kind kann in der folgenden Zeit Beziehungen knüpfen und gestalten, nicht aber selbst seine Versorgung und seine emotionale Bedürfnisbefriedigung organisieren. Kinder können sich die Erwachsenen in ihrem Leben zuerst nicht selbst wählen. Aus ihrer wachsenden Eigenständigkeit ergibt sich dann ihr Anrecht darauf, die Beziehungen zu Erwachsenen, die sie führen wollen, zu gestalten. Alles andere ist nicht Freiheit, sondern Verlassenheit.

9. Die Zerschlagung alter Strukturen führt bisher zur Bindungslosigkeit anstatt zu Solidarität.

Verheiratete Paare zum Beispiel wurden zwar von den Zwängen der lebenslangen Ehe befreit, doch oft ist im Ergebnis ein Vater* allein und eine Mutter* alleingelassen in der Sorge für ein Kind. Genauso gilt nun für Linke: Wer zuallererst damit loslegt, Kleinfamilien zu zerschlagen, lässt wahrscheinlich Kinder und Erwachsene im Stich.

Viele Leute sind auf der Suche nach einer kollektiven Form der Solidarität und der Fürsorge. Ein guter Anfang ist Wertschätzung dessen, was getan wird. Schätzt richtig ein, wer welche Arbeit macht! Ein Kind braucht bedingungslose Liebe und Versorgung. Es gilt, vielfältige Bindungen einzugehen und deren Eigenheiten zu erkennen. Niemand sollte sich schuldig fühlen, für kein Kind eine Elternrolle inne zu haben.

10. Die Basis für die ersehnte care revolution ist sicher eine kinderfreundliche linke Szene

als Vorreiterin einer kinderfreundlichen Gesellschaft. Die Rollen von Nicht-Eltern werden nicht nur manchmal überschätzt, sie werden auch unterschätzt. Leben Kinder in einer Welt, in der nur die eigenen Eltern ein Lächeln erwidern oder bei einem Problem einspringen? Welche Solidarität üben Erwachsene Kindern gegenüber angesichts der Zumutungen, die jene aufgrund ihres Kind-Seins erfahren? Auch Eltern sind für die meisten Kinder nicht Eltern und haben die Wahl, wie verantwortungsvoll und achtungsvoll sie auf Kinder eingehen. Bedingungslos muss die Beziehung erster Bezugspersonen zu einem Baby sein, aber bedingungslos ist auch des Babys Recht, in einer Gemeinschaft akzeptiert zu werden: als Mitbewohner*in oder als Familienmitglied; als Mensch.

Es gibt keinen Grund, Kleinfamilien zu romantisieren. Das gleiche gilt aber für Individualismus. Überschreiten wir diese Konzepte! Und zwar so:

11. Nicht zuerst Kleinfamilien zerschlagen, sondern Solidarität üben!

Das heißt: Lebensstrategien gegenseitig anerkennen, Kinder wahrnehmen, Bindungen eingehen, Freiheit nicht im Alleingang suchen!

Autor*in:

Nicola

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