Risikofaktor Hausprojekt: Gemeinschaftliches Leben als Belastung

von Nina

Es passiert mir gerade ironischerweise zum zweiten Mal, dass das Leben in einer Gemeinschaft dazu verführt, mich auf mich und den Mikrokosmos der Beziehung mit meinem Kind zurückzuziehen.

Beim ersten Mal war es die Überforderung und Einsamkeit, die sich aus der Geburt eines Kindes ergeben können. Ich habe zu der Zeit in einem Hausprojekt gelebt, war dort schon mit Kinderwunsch eingezogen und in die gemeinsame Ökonomie eingestiegen, die einige lebten. Viele Jahre später ist mir klar geworden, dass ich lange brauche, um andere wirklich nah an mich rankommen zu lassen. So konnte ich die emotionale Ausnahmesituation einer Geburt, die für uns beide lebensbedrohlich verlief und noch Wochen der (begründeten) Angst nach sich zog, nicht teilen, was vermutlich zum Rückzug der Anderen geführt hat.

Aber schon in der Schwangerschaft waren wir als WG parallel krassen Belastungen ausgesetzt, die vor allem mit einer psychisch sehr am Rande ihres Willens stehenden Person zu tun hatten. Wir haben lange versucht, ihr ein Leben mit uns zu ermöglichen, weit über unsere Grenzen hinweg – meine als Schwangere und dann als Mutter (und vielleicht sowieso auch schon vorher, nur dass ich es da noch nicht anerkannt habe) waren scheinbar noch enger gesteckt. Ich konnte nicht in der Küche stillen, ich hatte Angst, das Kind allein im Zimmer zu lassen, welches mindestens einen gefühlten Kilometer von der Küche entfernt war. Weil ich der Person nicht traute und weil ich spürte, dass die Geburt eines Kindes und meine entstandene Mütterlichkeit sie krass triggerten. Und irgendwie war ich allein damit. Mit der gesteigerten Schutzbedürftigkeit, die die anderen von sich nicht kannten. Vor diesem Hintergrund verstärkte sich meine Abhängigkeit vom Liebesbeziehungsmenschen, was ich sehr hatte vermeiden wollen (er durfte nicht mal mit einziehen).

Ich bin als Kind einer alleinerziehenden Mutter groß geworden, ich wollte auch alleine erziehen, bzw. nicht zwangsläufig mit dem Partner, wollte aber eine Liebesbeziehung haben und für mein Kind einen Vater – und so kompliziert das klingen mag: Ich dachte, wenn ich Teil einer Kommune bin, die zum Teil Bezugsmenschen für das Kind sein wollen und der Geliebte/Teamkollege/Vater würde nicht dort wohnen, wäre das die ideale Umsetzung. In meiner Wahrnehmung ist die Abhängigkeit von einem Mann, mit dem ich schlafe quasi tödlich. Und er hatte eh keinen Bock auf Gemeinschaftsökonomie, Leben in einem Projekt und Co. Und mitziehen durch mein politisches Leben wollte ich ihn garantiert auch nicht. Aber er war schlicht und ergreifend in der Not die mir nahestehendste Person und der einzige, der nachts während ich stillte die Fläschchen wusch und Pulvermilch anrührte, weil ich immer zufüttern musste. Naja, ich konnte mich irgendwann von ihm trennen, aber erst musste ich das Hausprojekt verlassen, weil ich nicht mehr konnte. Ein guter Papa ist er und durch die Einbindung in die Versorgung von Anfang an auch dem Kind sehr nah.

Nach der Trennung wollte ich schnell raus aus der Kleinfamilienwohnung, die ich von vornherein als Notlösung empfunden hatte. Ich wusste, ich würde nie wieder in eine WG ziehen, in der meins das erste Kind ist. Da war die WG mit Kind im FLTI Haus ein verlockendes Angebot! Nur wie die Ironie so will: Kaum war ich eingezogen, wurde den Alteingesessenen bewusst, welche Ausmaße der Konflikt annahm, den sie mit einer neuen Mitbewohni für gelöst erachtet hatten. (Achtung: Genauso wie Gebrauchtwagen mit gutem Grund verkauft werden, gibt es auch für freie Zimmer einen Grund!). Und drei Monate nach meinem Einzug verkünden nun 5 von 8, dass sie ausziehen würden. Und somit auch das Kind, zu dem meines mittlerweile eine echte Beziehung entwickelt hatte. Seitdem ich hier bin, geistern Schwingungen durch die Küche, ich habe es geahnt und bin fassungslos, wie intransparent und unsolidarisch dieser Prozess abgelaufen ist. Wenn der Wohnungsmarkt anders wäre, wäre ich vermutlich schon vor zwei Wochen in eine Zweiraumwohnung gezogen: von innen an die Tür gelehnt und durchgeatmet.

Nichtsda. Die öknomischen Eckpfeiler meines Lebens (theoretisch könnte ich sicher gaaanz viel aus mir machen, Texterin für Gossip-Blättchen im Netz oder sowas werden oder die ewige Assistentin in den Mühlen der Nichtregierungsorganisationen) und einige nicht ganz unbeachtliche ideologische Einfärbungen im Hirn vereiteln mir aber meinen Fluchtimpuls in ein angepasstes Leben und ich muss bleiben und mich mit den Gegebenheiten angemessen auseinandersetzen – auch wenn sie irgendwie nicht wirklich von mir gemacht sind, sondern von 7 ausgewachsenen Homosapiens (das zweite sapiens würde ich hier mal in Klammern setzen), die es als Kollektivleistung vollbracht haben, 1. ihren Konflikt zu verschleppen und 2. nicht nur sich selbst, sondern auch die Frischgetrenntealleinerziehende über die Ausmaße zu belügen.

Den Ort hatte ich mir ausgesucht, weil ich für mein Kind stabile Kontakte (z.B. Bezugskinder, die zusammen aufwachsen) und für mich heilende Mütterlichkeit wollte (in der Psychoanalyse wird der Gruppe etwas Mütterliches zugesprochen, weil sie wie ein Gefäß alle Gefühle aufnimmt und somit haltende Qualitäten hat). Beides habe ich mir von einem sehr familiär auftretenden FLTI-Haus versprochen (alle kannten sich gut, lebten seit Jahren zusammen etc.pp). Für mich war klar, dass das ein Übergangsort sein würde bis ich einen Bauwagen ausgebaut oder eine Landkommune gefunden hätte und ich wollte mich in ein gemachtes Nest einkuscheln und auf Dinge im Außen konzentrieren: doch schon bevor ich 50 bin Schriftstellerin werden zum Beispiel oder zwei Affären parallel haben genauso wie zwei Politgruppen, es gibt genug zu tun! Hier wurden aber ein paar schon Staub ansetzende Konflikte aufgehoben für den Moment, in dem ich dazukam. Und so wird mich der Übergangsort so viel Kraft kosten, dass ich es nur mit großen Mühen schaffe, mich um die Dinge zu kümmern, die eigentlich Priorität haben sollten nach so verfickt vielen Jahren, die ich mich nun mit privatpolitischem Kram rumgeschlagen habe: Ich will nicht mehr über Putzpläne reden, über Geld und Gemeinschaftskassen, ich will nicht mehr einkaufen, ich will nicht mehr nett zu Zwischenmietis sein – nein, ich will doch eigentlich ein Systemangriff sein.

Aus der WG im Hausprojekt, in die ich frisch eingezogen bin, die sich meinen Einzug sehr gewünscht hatte, ziehen nun fast alle aus – erschöpft von Leben im Hausprojekt, enttäuscht vom Auszug anderer, unfähig, die Veränderungen anzunehmen. Und sie lassen mich fassungslos ob der Not, in die sie mich mit ihrer Entscheidung bringen, zurück. Und ich muss mir Mühe geben, nicht selber in die Denkweise des mein-eigenes-Leben/Glück-ist-mir-am-wichtigsten zu verfallen. Kann es Kontinuitäten im Alltag nur geben, wenn ich die Variablen (sprich: Personen) reduziere? Natürlich ist ein FLTI-Haus gelebte Utopie und ich habe Angst vor einem normalen Mietshaus inklusive der fremden Männer, die mir im Treppenhaus begegnen und dem Hausmeister, dessen Anweisungen ich befolgen soll. Aber dieses auf so engem Raum so mit den Gefühlslagen und Konflikten anderer Menschen, die ich noch nicht gut kenne, verwoben zu sein, das erschöpft mich maximal. Und ich traue denen, die nicht so abhängig sind von Verbindlichkeiten und Solidarität wie ich, nicht mehr. Es ist weg.

Ich stoße in meinen Wünschen immer wieder auf diese ein-Mensch-für-alles-Phantasie, ich ahne, warum viele sich in kleinfamiliäre Entwürfe zurückziehen. Und tatsächlich beschleicht mich nach Jahren der Suche nach einer Wahlfamilie, nach verbindlicher Lebensgemeinschaft das starke Gefühl, dass ich allein sterben werde. Ich habe mich von meiner Blutsfamilie mehr und mehr entfernt, ohne einen Ersatz zu haben. Ich habe mich aus meiner Liebesbeziehung verabschiedet, ohne ein(en) adäquate(s) Jumpoff und lechze nach einem Ankommen. Aber aller Anspruch ist sinnbefreit, wenn es so vielen Menschen schwer fällt oder es ihnen schlicht nicht attraktiv erscheint, sich auf einen oder mehrere Menschen festzulegen, Perspektiven gemeinsam zu entwickeln, wenn es sich dabei nicht um Lovestories und ‚bestfriendsforever‘ handelt. Ich kann aber in meinem Leben nur dem Kleinfamilienidyll abschwören, wenn mich auch Freund_innen in ihrem Urlaub dabei haben wollen, den sie mit ihrer Partner_in planen. Liegt es daran, dass die enorme Anstrengung des täglichen Lebens einzig ertragbar wird durch die eine Person, mit der mensch nackt kuschelnd vor der Glotze liegt? Und sich diese Verbindung dadurch zur Unverzichtbarkeit per se gemausert hat, sodass sie als die einzige erscheint, die Qualitytime und Bekenntnisse beansprucht?

Für mich ist gewähltes Alleinsein keine Option mehr, ich bin durch das Kind immer in meinen Planungen und Wünschen mit einem Anderen konfrontiert, das einsame-Wölfin-Ding hat sich ausgeheult. An dessen Stelle ist die überwältigende Verantwortung getreten, einen kleinen Menschen so zu begleiten, dass er nicht ab Mitte 20 therapieabhängig oder fügsamer, konsumistischer Spießeridiot sein wird. Ich weiß, dass die Trennung der Eltern traumatisch sein kann. Ich weiß, dass eine allein- und an den Grenzen ihrer Belastbarkeit stehende Mutter das nicht abfangen kann. So wollte ich eine sanfte Trennung mit einer durch Gemeinschaft gestützten Mutter, um emotional verfügbar zu sein. Vielleicht braucht dieses gute Kind keine Stabilität, aber ich brauche sie, um eine gute Mutter zu sein. Denn wenngleich ich in meinem vorherigen Leben eher eine Nomadin war, ist dieses Kindkriegenundaufziehending für mich allein zu groß.

Für mich ist nicht so klar, was Stabilität ist: Vielleicht die Fähigkeit, in mir zu ruhen und trotzdem sozial verwoben zu sein, also ein Zustand, in dem wir einander nicht ins Ungleichgewicht bringen. Der Mensch ist zwar eines der wenigen Säugetiere, dass für die Entwicklung von Bindung und Bindungsfähigkeit mehrere Jahre zur Verfügung hat. Aber ich habe Angst, dass diese Erfahrung sich im Beziehungsleben meines Kindes hart niederschlägt. Ja, ich habe mir das mit dem Kind ausgesucht, aber ich hatte Träume und hab gedacht, ich würde das mit anderen Menschen zusammen machen. Ich schaffe es als Einzelperson (zwar mit großem Herz aber an sich ziemlich klein) mitten in einem gemeinschaftlichen Kontext aber nicht, ihm gegenüber eine Stabilität aufrecht zu halten, die nur eine Illusion ist. Und es bricht mir das Herz, dass die Realität in sein Leben einbricht und ich es nicht vorher geschafft habe, sie zu ändern.

 

Autorin:

Nina hadert, nachdem schon der erste versuch à la kind & hausprojekt & Gemeinschaftsökonomie scheiterte, nun zum zweiten Mal mit der gemeinschaftlichen Lebensform und findet darüber hinaus den Modus „teilzeitalleinerziehend“ sehr praktisch.

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