Co-Mütter werden

von Anna & Eva

I wanna settle down, I wanna settle down
Won’t you settle down with me?
We could settle at a table, a table for two
Won’t you wine and dine with me, settle down…
I wanna raise a child, I wanna raise a child
Won’t you raise a child with me, raise a child?

(Kimbra, „Settle down“)

Anna: Die Idee, zusammen ein Kind zu bekommen, kam irgendwann in der Zeit auf, als wir beschlossen, zusammen in eine Zweier-WG zu ziehen. Wir kannten uns schon mehrere Jahre, waren beide ein wenig erschöpft von unseren Groß-WGs und hatten Lust auf mehr Verbindlichkeit. Also eigentlich ein ziemlich klassisches Setting, um auch übers Kinderkriegen nachzudenken, ja fast schon der allgemein erwartete logische Schritt, wenn zwei Menschen über 30 in eine Pärchenwohnung ziehen – wären wir nicht zwei Frauen, die keine Liebesbeziehung führen, sondern „nur“ platonisch befreundet sind und beide in einer Hetero-Partnerschaft leben.

Eva: Dass unsere beiden Partner aus verschiedenen Gründen keine Kinder wollen, hatte uns zuvor eher in „normalen“ Freundinnengesprächen beschäftigt: Was tun, wenn der Partner keine Kinder (mehr) will, ich selbst diese Erfahrung aber gerne machen möchte und Lust auf Kinder habe? Setze ich dafür wirklich eine jahrelange Beziehung aufs Spiel, in der ich mich abgesehen von dieser Frage ziemlich wohl fühle? Sich den eigenen Kinderwunsch dann eben mit jemand anderem zu erfüllen, mit dem frau keine Liebesbeziehung führt, ist vielleicht erstmal nicht der naheliegendste Gedanke – fühlte sich für uns aber mit der Zeit zunehmend stimmig an.

Anna: Nachdem ich gelernt hatte, dass der zugehörige Begriff „Co-Parenting“ heißt, stellte ich schnell fest, dass das Konzept, mit jemandem ein Kind zu bekommen, mit dem/der man keine Liebesbeziehung führt, zwar kein Massenphänomen ist, aber auch nichts ganz neues. Es gibt sogar mittlerweile Webseiten wie familyship.org, auf denen sich Menschen finden können, um zusammen ein Kind zu bekommen. Im Vergleich dazu kam es mir schon deutlich weniger abenteuerlich vor, das wie wir aus einer langen Freundschaft heraus anzugehen…

Eva: Vom ersten Aussprechen der Idee bis zu dem Gefühl, uns tatsächlich dafür entschieden zu haben, verging sicherlich ein Jahr. Dazwischen lagen viele Gespräche, aber auch schlaflose Nächte; Phasen der Euphorie wechselten sich mit Phasen des Zweifels ab. Ziemlich hilfreich fand ich in der Zeit, Erfahrungsberichte von anderen Co-Eltern oder sonstigen ungewöhnlichen Familienmodellen zu lesen. Auch trafen wir uns mit einem befreundeten lesbischen Mutterpaar, um von deren „Weg zum Kind“ zu hören und uns zum Beispiel erklären zu lassen, wie genau das dann mit der „Bechermethode“ funktioniert, mit der man die Insemination durchführt. Natürlich redeten wir auch mit unseren Partnern darüber, aber da die beiden kein grundsätzliches Veto einlegten, waren sie in den ganzen Prozess eigentlich eher am Rand involviert.

Anna: Eine große Frage war dann natürlich, wer von uns beiden schwanger werden sollte. Trotz aller dekonstruktivistischen Theorie, die wir im Studium eingeatmet hatten, beschäftigten uns allerlei Zweifel, ob die genetische Verbindung nicht doch zentral ist für die Bindung zu einem Kind. Zwar ist es auch für biologische Mütter nicht selbstverständlich, eine enge Bindung zu ihrem Kind aufzubauen. Dennoch ist die Sorge, dass dies nicht klappen könnte, als nicht-biologische Mutter noch größer. Eine Zeit lang fühlte sich diese Entscheidung tatsächlich so „groß“ und weitreichend an, dass wir nicht so richtig in der Lage waren, sie zu treffen. Daher hatten wir zum Beispiel die Idee, dass wir immer im Wechsel versuchen könnten, schwanger zu werden – um es so ein Stück weit dem Schicksal zu überlassen, bei wem von uns es als erstes klappt. Eine andere Idee war, einen unserer Brüder als Samenspender anzufragen, weil so die nicht-biologische Mutter schließlich immerhin trotzdem mit dem Kind verwandt wäre. Mittlerweile haben wir viele mögliche Szenarien durchgespielt und uns vorläufig für eines davon entschieden. Irgendwann kam dann bei mir aber auch der Punkt, dass ich es gar nicht mehr so relevant fand, wer von uns nun das Kind austrägt, da ich merkte, dass ich mit beiden Rollen gut leben könnte.

Eva: Sicherlich wird es immer wieder Momente geben, wo diesbezüglich eine Hierarchie zwischen uns entsteht – zum Beispiel wenn das Kind der biologischen Mutter sehr ähnlich sehen sollte und sie dann dadurch auf der Straße direkt als die „wirkliche“ Mutter identifiziert wird. Wir hoffen zum einen, dass diese Rollenverteilung im Alltag über die Jahre eine immer geringere Rolle spielen wird. Zum anderen können wir es durch verschiedene Dinge vielleicht auch ein wenig auffangen – zum Beispiel, indem wir nach der Geburt durch Stiefkindadoption dafür sorgen, dass auch die nicht-biologische Mutter das volle Sorgerecht hat. Im Zuge dessen können wir außerdem überlegen, ob das Kind den Nachnamen der nicht-biologischen Mutter bekommt. Damit wäre diejenige zumindest im Umgang mit Behörden und offiziellen Stellen stärker davon entlastet, ihr Verhältnis zu dem Kind erklären zu müssen.

Anna: Neben der Frage, wer von uns schwanger wird, war das andere große Thema, wen wir als Samenspender anfragen. Nachdem unsere beiden Brüder aus verschiedenen Gründen ausgeschieden waren, erstellten wir eine Liste mit Freunden, von denen wir uns vorstellen konnten, sie zu fragen. Es erschien uns auf jeden Fall naheliegender, uns erstmal in unserem Umfeld umzuhören, anstatt auf anonymere Datenbanken zurückzugreifen. Aber auch bei der Suche im Freundeskreis fand ich interessant – und auch ein wenig unheimlich –, welche Kriterien einem dann so in den Kopf kommen. Sieht er gut aus? Ist er intelligent? Hat er irgendwelche Erbkrankheiten? Spielt es eine Rolle, ob er – wie wir beide – weiß ist? Das kippt dann schnell in eine ziemlich schräge Richtung und mensch kommt ins Schwimmen, wieso welches Kriterium wichtig ist oder nicht…

Eva: Ein Kriterium, das wir ziemlich schnell klar hatten, war jedenfalls, dass derjenige in einer anderen Stadt leben sollte als wir – einfach, damit er im Alltag nicht automatisch ständig präsent ist. Schließlich stellen wir uns seine Rolle eher als die eines Onkels vor, nicht als die eines Vaters, der wirklich Anteil an der Erziehung hat.

Anna: Tja, und nun sieht es mittlerweile ganz danach aus, dass wir einen Spender gefunden haben! Damit geht ein langer Vorbereitungsprozess zu Ende, obwohl damit ja eigentlich erst alles losgeht…

Eva: Wahrscheinlich muss man sich in einer Konstellation wie der unseren viel bewusster dafür entscheiden, schwanger zu werden, als das bei „klassischen“ Elternpaaren der Fall ist. Das Kind wird sich auf jeden Fall nicht beklagen können, es sei kein Wunschkind.

Anna: Dafür wird es vielleicht mit der Frage konfrontiert sein, wie seine zwei Mütter dazu kamen, eine Familie zu gründen, wenn sie doch gar keine Liebesbeziehung führen. Tatsächlich fragten mich auch mehrere Freund*innen, denen ich von unserer Idee erzählte, ob wir beide denn wirklich nicht zusammen wären. Die Vorstellung, dass romantische Liebe im Spiel sein muss, um zusammen ein Kind zu bekommen, scheint also noch hegemonialer zu sein als die Vorstellung, dass mensch dazu ein Hetero-Paar sein muss. Jochen König, der viel über sein Leben in einer Co-Eltern-Familie bloggt und publiziert, schreibt in einem Blogpost ebenfalls über den Vorwurf, diesem Familienmodell mangele es an Liebe, und entgegnet: „Wenn ich mich dazu entschließe, mit einer oder mehreren Personen für die nächsten 20 Jahre oder sogar länger gemeinsam für ein Kind zu sorgen, dann ist da sogar sehr viel Liebe im Spiel.“ Denn natürlich gibt es auch ohne „körperliche Liebe“ eine enge emotionale Verbindung zwischen uns, die durch das Vorhaben, zusammen ein Kind zu bekommen, verstärkt wird.

Eva: Wenn ich so zurückdenke, fällt mir auf, was sich emotional für mich alles verändert hat im Lauf des letzten Jahrs. Die Ängste, die das Thema bei mir begleiten, haben sich zum Beispiel stark gewandelt. Am Anfang ging es ganz viel darum, ob ich mir wirklich zutraue, so eine starke Bindung einzugehen – außerhalb einer romantischen Beziehung. Und ich hatte damit zu kämpfen, dass mir alles so „unnatürlich“ vorkam. Ich habe mich gefragt, ob das „okay“ ist, sich so eine Familie nach den eigenen Vorstellungen zusammenzuzimmern. Letztendlich – so sehe ich das heute – habe ich mit meinen eigenen Vorurteilen gegenüber ungewöhnlichen Familienkonstellationen gekämpft. All das ist heute eigentlich kein Thema mehr. Ich bin mir ziemlich sicher, dass das Familienmodell, das wir vorhaben, ein gutes Modell ist. Dass es zu uns und unseren Bedürfnissen passt. Und dass es ein Setting ist, in dem ein Kind gut aufwachsen kann.

Anna: Es gibt natürlich auch eine ganze Menge Vorteile, die immer stärker in den Vordergrund treten. Wir können uns auf unsere gemeinsame Elternschaft und unser Zusammenleben konzentrieren und müssen nicht gleichzeitig noch einer romantischen Liebesbeziehung gerecht werden. Wir sind kein Paar und werden uns daher auch nie „trennen“ – zumindest (hoffentlich) nicht auf so schmerzhafte und manchmal zerstörerische Weise, wie man sich nach einer gescheiterten Liebesbeziehung trennt. Dadurch dass wir noch unsere Beziehungen zu unseren Partnern haben, ist unsere Familie von Anfang an nach außen hin offen, sie hat mehr als zwei Stützen und zusätzliche Ventile. Wir sind kein geschlossenes System und dadurch flexibler und anpassungsfähiger an neue Situationen. Und wir können uns gegenseitig Freiräume ermöglichen, zum Beispiel um mit unseren Partnern auszugehen oder in den Urlaub zu fahren, die in anderen Beziehungen nicht möglich sind.

Eva: Aber klar müssen wir auch unsere Beziehung pflegen und es werden sicherlich Schwierigkeiten auftreten, die wir jetzt noch nicht absehen. Mal sehen, was da noch so kommt. Und viele Schwierigkeiten liegen natürlich auch jetzt schon auf der Hand. Wir müssen zum Beispiel heiraten, um ein gemeinsames Sorgerecht anstreben zu können…

Anna: Was mir heute am meisten Sorgen macht, betrifft gar nicht mehr unser konkretes Zusammenleben oder unsere Beziehung als Freundinnen und Eltern oder die Beziehung zu meinem Freund oder die technischen Fragen. Inzwischen denke ich eher darüber nach, wie stark wir wohl als ungewöhnliche Familie mit Vorurteilen, Ablehnung und Diskriminierung zu kämpfen haben werden. Bei meinem letzten Besuch in meiner Heimatstadt hatte ich mit einer alten Freundin ein Gespräch über unterschiedliche Familienformen. Die Ansichten der verheirateten Mutter von zwei Kindern waren komplett vom Ideal einer Einheit von Vater, Mutter und Kind(ern) durchzogen. Alle anderen Modelle oder auch einfach Lebensweisen empfand sie als verantwortungslos und traurig. Ich habe ihr dann auch (noch) nicht von unseren Plänen erzählt. Das Erlebnis hat mich nicht entmutigt, aber es hat mich ein wenig vorsichtig gemacht.

Eva: Ja, lesbische Paare setzen sich mit diesen Themen bestimmt schon viel früher auseinander, erfahren viel früher in ihrem Leben Vorurteile und vielleicht auch Ablehnung. Das ist also nichts, was uns jetzt besonders trifft. Aber das kam einfach sehr plötzlich.

Anna: Unser direktes Lebensumfeld, unsere Partner und engen Freund_innen haben dafür durchweg unheimlich positiv reagiert. Viele freuen sich sogar richtig darüber, weil sie die Idee spannend finden und wissen wollen, wie das alles wohl so wird. Time will tell…

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