Warum noch eine Mutter für meine Kinder eine große Bereicherung ist…

Ich lebe in einer Wohngemeinschaft. Keiner Zweck-WG. Eher einer Care Community. Wir sind drei Erwachsene und zwei kleine Kinder. Immer wieder lebt auch ein Jugendlicher mit bei uns.

Die Zwillinge Nuri und Jona sind 15 Monate alt und die leiblichen Kinder von Toni und mir. Ben ist 14 Jahre alt, ist Tonis leiblicher Sohn und lebt zumeist bei seiner leiblichen Mutter. An den Wochenenden, alle zwei Wochen und in den Ferien bereichert er unser Zusammenleben. Und zu unserer Familie gehört auch Juli. Wir drei sind um die Dreißig und an verschiedenen Stellen im Studium-Lohnarbeits-Leben angekommen.

Wir sind ganz bewusst vor einem halben Jahr zu dritt mit den Zwillingen nach Leipzig gezogen. Wir wollen zusammen leben und uns zusammen um die Kinder und den Haushalt kümmern. Vor zwei Monaten endete Tonis Elternzeit. Er hat (und musste) sich wieder voll ins Lohnarbeiten stürzen. (Schade, dass es nicht einmal bei Zwillingen mehr Elterngeldmonate gibt.) Ich studiere im Prinzip noch. Also zumindest dann, wenn ich Zeit zum Schreiben meiner ausstehenden Hausarbeiten finden würde. Juli hat ihr Lehramtsstudium beendet und beginnt gerade ihr Referendariat. Leider hat sie einen Ref-Platz in Dresden bekommen. Naja, geht immer noch, ist zumindest erpendelbar. Gut, dass schon um 5 Uhr ein Zug fährt.

Aber warum gab‘s keinen in Leipzig? Naja, als ‚kinderlose‘ und auch ansonsten ‚ungebundene‘ Frau könne sie ja einfach nach Dresden umziehen. Kein Problem. Von Amts Wegen ist Julis Anteil am Leben von Nuri und Jona nämlich unsichtbar und nicht wichtig. Sie konnte nicht, wie andere, die leibliche Kinder betreuen, um eine Bevorzugung bitten.

Für Gespräche bei Ärzten, Aufsichtspflicht und Kita-Abholung kann man als leibliche Eltern eine Vollmacht schreiben. Aber ich hätte so gern einen Zettel auf dem wir drei schreiben, dass wir gemeinsam Eltern von Nuri und Jona sind. Und es wäre so wunderbar, wenn dies bei Behörden bzw. vor dem Gesetz auch was zählte. Ich finde es einfach falsch, dass der Staat vorsieht: es sollen nur zwei Menschen pro Kind erziehungsberechtigt und dahingehend berücksichtigungswürdig sein. (1)
Und dieses Problem trifft nicht nur uns, sondern auch viele andere Familien.

Es betrifft viele Patchwork- und Stieffamilien. Regenbogenfamilien genauso wie Ein-Eltern-Familien oder Kinder aus polyamoren Beziehungen. Aber auch Familien, in denen ein leiblicher Elternteil psychisch oder chronisch krank ist oder eine Beeinträchtigung hat. Ich frage mich, wieviele Familien dies nun nicht betrifft? In so gut wie all diesen Konstellationen fühlt sich mindestens ein biologischer Elternteil verantwortlich für die betreffenden Kinder. Und genauso oft sind andere Erwachsene wichtige, liebevolle und verantwortliche, elternmäßige Bezugspersonen für diese Kinder. Verantwortung und Verlässlichkeit sind wichtig im Dasein für Kinder, jedoch hängen diese keineswegs an der genetischen Verwandtschaft. Dafür gibt es viel zu viele Eltern, die ihren Kindern als Hauptbezugspersonen (oft) nicht gut tun. (Und damit meine ich nicht nur Familien in denen das Jugendamt mitmischt.) Und es gibt viel zu viele Adoptivmütter und -väter oder auch Stiefeltern, welche wunderbare elternmäßige Bezugspersonen für Kinder sind.

Die Kleinfamilien-Falle gibt es auch zu Dritt

Ich erlebe gerade wie die Kleinfamilien-Falle zuschnappen kann. Toni lohnarbeitet, damit wir was Essen können, mein Bafög geht im Wesentlichen für Miete drauf und Juli versucht in der Referendariatsmühle nicht zerrieben zu werden. Und wer rockt die Kids, die erst in 3 Monaten einen Betreuungsplatz haben? Ich. Hmm. Schön und nicht schön.
Nuri und Jona sind wunderbare Menschen. Ihnen beim Wachsen und Gedeihen zuzusehen und mitzuerleben wie sie sich entwickeln, was sie mögen und können ist wirklich ein Geschenk. Aber ich bin noch mehr als die Mutter dieser Menschen. Meine Seele braucht mehr als das Lachen dieser Kinder.

Ich habe auch Zeit ohne die Kinder. Toni oder Juli betreuen die beiden ja auch oder eine Freundin geht mal mit den beiden auf den Spielplatz. Aber es ist faktisch so, dass es immer cooler ist, mit den beiden nicht alleine zu sein. Und will ich auch noch Zeit mit Toni oder Juli verbringen, dann heißt das auch, dass ich mich nicht immer wenn eine*r von ihnen Zeit hat aus dem Staub machen kann und will. Und gleichzeitig dürste ich nach Zeiten ohne diese Kinder. Und was passiert, wenn ich die habe? Ich brauche sie zum Schlafen oder zum Hausarbeitenschreiben. Und wann geh ich mal klettern (was mein Rücken dringend bräuchte) oder treff mich mal mit meinem Bruder auf ein Bier oder ruh mich aus? Auch drei Erwachsene sind offensichtlich zu wenig für die Betreuung zweier Einjähriger und das nötige Lohnarbeiten.

Immerhin ist es dank der Dreier-Konstellation möglich mal einen Abend mit Toni alleine nen Wein trinken zu gehen oder mit Juli im Biergarten zu sitzen. Ich kenne sehr viele Paare, die jahrelang nichts zu zweit ohne die Kinder gemacht haben. Und wie oft schon ist das Paarsein zugunsten von Elternsein in den Hintergrund getreten oder für immer verschwunden, was großes Konfliktpotential bietet. Aber Kleinfamilien haben natürlich auch Vorteile: nur zwei erwachsene Menschen müssen Absprachen treffen, sich austauschen etc. Das Chaos in der Wohnung ist zu hundert Prozent selbst verursacht und auch Wäsche und Müll halten sich im einschätzbaren Rahmen. Im Vergleich zur Großfamilie oder Beutefamilie (2) kann besser ohne Einmischung von außen agiert werden. Doch diese Unabhängigkeit hat einen hohen Preis.
Für mich einen zu hohen.

Wieviele Bezugspersonen brauchen Kinder?

Ich hab keine gute Idee, ob drei, vier, fünf oder mehr Bezugspersonen für Kinder cool sind. Was ich jedoch immer wieder beeindruckend finde, ist, dass Kinder, denen nicht beigebracht wird zu wem sie Mama sagen sollen, dies zu vielen, verschiedenen Menschen sagen. Ich glaube, das liegt daran, dass es sich dabei um einen Rollenbegriff handelt. Es ist der Name für Menschen, die in bestimmter Art und Weise für die Kinder da sind. Verlässlich, liebevoll und dauerhaft. Dies muss nicht nur eine Person sein und es müssen auch nicht nur Frauen* sein. (3) Mutter sein wäre demnach ein Begriff, der unabhängig von Geschlecht und genetischer Verwandtschaft gedacht würde.

Ausblick

Der Preis in Kleinfamilienstrukturen ist einfach zu hoch und ich glaube auch nicht, dass die Exklusivität meiner Mutterrolle irgendwie von Bedeutung ist. Jedenfalls nicht für Nuri und Jona. (Für mich vielleicht doch irgendwann.) Ich glaube, ob ich eine gute Mutter für die beiden bin misst sich nicht daran ob sie mein „eigen Fleisch und Blut“ sind, ich ihre einzige Mutter bin oder sie Mama zu mir sagen. Meine Beziehung zu ihnen hängt davon ab, ob ich sie ernst nehmen kann, in dem was sie brauchen und verlässlich für sie da bin oder nicht. Ob ich sie trösten kann, wenn sie hinfallen oder Zahnschmerzen haben, ob ich zwischen ihnen vermitteln kann, wenn beide den gleichen Bauklotz wollen und ob ich ihnen Räume eröffnen kann, für das was sie gerade tagtäglich entdecken.
Und all das kann ich, aber ich kann es vor allem dann gut und liebevoll, wenn ich zwischendurch auch mal was anderes machen kann. Das klingt trivial, aber es ist in der Umsetzung durchaus schwierig.

Kinder brauchen verlässliche Care-Netzwerke und es ist vollkommen egal, aus welchen Personen, ob aus Omas oder Freundinnen, Onkel oder Mitbewohnern, diese bestehen. Der Knackpunkt ist, dass der Mythos der Kleinfamilie uns so tief in den Knochen sitzt, dass es uns schwerfällt anderes zu denken, uns anderes vorzustellen.

Ich will mir gern die Verantwortung gegenüber Kindern teilen. Nun, in der Falle-Erfahrung, sogar noch mehr als zuvor. Ich glaube, dass es für viele Menschen eine Erleichterung wäre und dafür sorgen würde, Kindern liebevoller begegnen zu können. Ich glaube, dass es für viele Paare die Rettung wäre, wenn sie nicht kompliziert die Kinder zur Oma verschiffen müssten um mal ein Wochenende für sich zu haben. Und ich glaube, dass Anca Gheaus recht hat, wenn sie darauf verweist, dass es Kinder vor ungesunden Abhängigkeiten schützen könnte. (4)

Mehr Eltern für alle!!!

Für mich heißt das sehr konkret, dass ich bei allen Überlegungen zu weiteren Kindern (auf die ich wirklich sehr große Lust hätte) mich zusammensetzen will mit anderen Menschen und dann von ‚wer bekommt die eigentlich‘ bis ‚wer will und kann wieviel Verantwortung übernehmen und für was genau‘ auf den Tisch gehört… leider wird dabei auch die Frage sein, wer die beiden Menschen sein wollen, die vor dem Gesetz erziehungsberechtigt sein können.

Und vielleicht auch wann wir angehen, dass sich das ändern muss!

Autor*in:

Ana

(1) Im kanadischen Bundesstaat British Columbia ist es seit 2014 unter bestimmten Umständen möglich bis zu vier Elternteile offiziell eintragen zu lassen. Vgl. http://www.abstammungsrecht.de/ein-kind-bis-zu-vier-elternteile-das-neue-abstammungsrecht-british-columbias-in-der-praktischen-anwendung/
In den Niederlanden empfahl eine Kommission 2016 die Änderung des Familienrechts dahingehend, dass bis zu vier Eltern für Kinder eingetragen werden können. Vgl. https://www.queer.de/detail.php?article_id=27763

(2) Mit Beutefamilie meine ich Menschen die ich zu meiner Familie zähle ohne mit ihnen verwandt oder verrschwägert zu sein. Das sind Menschen die ich „erbeutet“ habe. Da dieser Begriff aber so machtvoll und so wenig auf Augenhöhe klingt, versuche ich gerade mir Meutefamilie anzugewöhnen.
Ich kenne viele Menschen die große Schwierigkeiten haben mit den Kleinfamilien aus denen sie kommen, deshalb möchte ich alle (auch die die cool sind mit ihren Eltern, Großeltern, Geschwistern etc.) ermutigen auch an die Möglichkeit und die Bereicherung durch Meutefamilie zu denken. Es gibt in meiner Meutefamilie vor allem unglaublich tolle Meutegeschwister und Meutegroßeltern.

(3) Den Gedanken habe ich bei Jochen König das erste Mal wahrgenommen, dessen Tochter Fritzi (phasenweise) zu ihm Mama sagt. Vgl. auch http://www.jochenkoenig.net

(4) Vgl. Artikel in der an.schläge: http://www.anschlaege.at/feminismus/2018/05/darfs-ein-bisschen-mehr-sein/

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