„Mein ‚Ja‘ zu dem Kind hätte ich niemals zurückgenommen“

Nicola und Almut interviewen Sophie, Transkript von Nina

Sophie erzählt ihre Geschichte von einer Co-Elternschaft, die dann doch nicht zustande kam. Sie wählt ihre Worte mit Bedacht, um allen Perspektiven gerecht zu werden.

Nicola: Wie kamst du auf die Idee der Co-Elternschaft?

Sophie: Ich lebte in einer Landkommune, in einer Gemeinschaft, und war gerade frisch getrennt, fast mit dem Studium fertig – ich war also relativ frei. Ich hatte für die Zeit nach dem Studium zwar Pläne, aber ich wusste, dass ich mir Zeit nehmen kann, dass es passt.

Nicola: Welche Rolle hat die Gemeinschaft gespielt, in der du gelebt hast?

Sophie: Mit den leiblichen Eltern habe ich sowieso zusammengelebt. Wir haben sehr eng verbunden zusammengelebt, also diesen Hof gemeinsam renoviert und einen gemeinsamen Haushalt und eine solidarische Ökonomie geführt. Wir haben ein gemeinsames Leben geführt. Die beiden hatten schon ein Kind und waren coole Eltern, die ihr Kind auch relativ entspannt abgegeben haben, wodurch ich mir gut vorstellen konnte, dass sie ihren Vorschlag, das Kind zu ›teilen‹, ernst meinten.

Almut: Es klingt ja eigentlich krass, ein Kind ›teilen‹ zu können. Bestimmt ist es eine gedankliche Herausforderung, das leibliche Kind, das man gemeinsam bekommen hat, gleichberechtigt in andere Hände zu geben. Wieso erschien dir das plausibel, und warum den werdenden Eltern?

Sophie: Den werdenden Eltern aus einer Not heraus. Die Schwangerschaft war nicht geplant und kam dicht nach dem ersten Kind und dadurch gab es keine Kapazitäten. Der leibliche Vater steckte mitten im Prozess, sich selbständig zu machen. Es schien eine Riesenherausforderung: Kind haben und Hof fertig machen und Studium wieder aufnehmen und fertig machen wollen. Das war für die so ein Moment von: Wie wollen wir das schaffen? Das schaffen wir nur mit Hilfe. Aber es ging nicht nur um dieses Unterstützung-haben-Wollen, sondern darum, das wirklich gleichberechtigt zu teilen: diese Verantwortung und was das alles mit sich bringt – auch schon in der Schwangerschaft. Der leiblichen Mutter war es wichtig, Hebammenbesuche und die Geburt und alles von Anfang an zusammen zu tragen.

Sie haben den Wunsch in die Gruppe getragen und gefragt, ob sich jemand vorstellen kann, mitzumachen. Ob ich mir das vorstellen kann. Ich habe mich damals relativ sicher damit gefühlt, weil es ja deren Wunsch war und nicht etwas, was ich von ihnen wollte. Da habe ich gedacht, ich schlaf mal ’ne Nacht drüber. Und irgendwie war es dann ganz schnell emotional klar für mich. Und ich habe mich total gefreut und mich auch in der ersten Nacht in meinen Halbwachträumen schon ganz mit dem Kind verbunden gefühlt. Ich hab’ mir zwar noch ein paar Tage Zeit gelassen, um mir sicher zu sein, aber eigentlich war ich mir schon von Anfang an relativ sicher.

Almut: Was ist dann passiert? Wie hast du den ›werdenden‹, ›leiblichen‹ Eltern deinen Entschluss kommuniziert? Das muss aufregend gewesen sein.

Sophie: Ja, es war voll aufregend! Das war ein schwieriger Prozess, ich hatte schon Angst, das fünfte Rad am Wagen zu sein und eher wie ein Kindermädchen in so ’ne Kleinfamilie integriert zu werden oder so. Das hat mich schon verunsichert. Ich war mir bewusst, dass die leiblichen Eltern in der stärkeren Position waren und dadurch ein großes Abhängigkeitsverhältnis besteht. Dass ich von deren Wohlwollen abhängig bin, um dieses Kind zu haben. Und dass ich überhaupt keinen rechtlichen Anspruch hab. Deshalb hab’ ich mir dann überlegt, dass diese Unsicherheit sich vielleicht besser anfühlen würde, wenn ich noch eine vierte Person mit reinhole. Damit es zwei Co-Eltern gibt und zwei leibliche Eltern – ich habe mir vorgestellt, das wäre gleichberechtigter. Also ist noch eine Person potenziell dazugekommen.

Ich bin noch ein Wochenende weggefahren, um mir klar zu werden, und als ich wiederkam, haben wir uns im Kreis zusammengesetzt, damit ich meine Entscheidung verkünde. Ich habe eine Kerze angezündet und gesagt, dass ich es machen will.

Nicola: Und da saßt ihr zu viert?

Sophie: Ja genau, da waren wir zu viert. Und für die beiden Männer war das erst mal ein Schock.

Ich glaube, der leibliche Vater – ich weiß nicht mehr genau, wie er es formuliert hat – hatte auf ein ›Nein‹ von mir spekuliert, was dann bedeutet hätte, dass sie ohne Unterstützung das Kind nicht bekommen hätten. Und in dem Moment, in dem ich ›Ja‹ gesagt habe, war dann klar, ok jetzt muss er sich ernsthaft damit auseinandersetzen, weil dieses Kind anscheinend doch kommen kann.

Nicola: Und er sich da eine Rolle suchen muss …?

Sophie: Ja, genau! Und für den andern Co-Elternteil war das, glaube ich, auch ein bisschen so, also war in dem Moment alles abhängig von meiner Entscheidung, ob diese Familie, mit diesem Kind, existieren wird oder nicht.

Almut: Das heißt, dass die leiblichen Eltern sich unter sich auch nicht so sicher oder einig waren?

Sophie: Ich glaube, sie waren sich einig, dass sie es so allein nicht packen können oder wollen. Aber andererseits trotz alledem auch nicht in der Lage, sich gegen das Kind zu entscheiden. Weil das erste Kind ein Wunschkind war und sie sich darüber total gefreut haben und man ja dann weiß, das zweite Kind ist halt ein genauso tolles Kind, das da kommen wird. Ja, und ich glaube, da war die Co-Parent-Entscheidung die einzige Möglichkeit: Ein ›Ja‹ ging nicht und ein ›Nein‹ ging nicht, also war es ein ›Jein‹ oder so etwas dazwischen.

Almut: Und dann saßt ihr in der Viererrunde und du hast den Beschluss verkündet, dass du dich darauf einlassen willst?

Sophie: Ja.

Almut: Worum die beiden ja auch gebeten hatten …?

Sophie: Ja. – In meiner Erinnerung war die Reaktion des Vaters eher verhalten.

Nicola: Und kannst du dich an das Gefühl erinnern, das du selber hattest, während des Gesprächs oder am Ende des Gesprächs? Wie hat sich das dann weiterentwickelt?

Sophie: Euphorisch! Ich glaube, ich fand es spannend, habe mich schon auf dieses Kind gefreut … Und bin dann in einen ganz guten Austausch mit dem anderen Co-Elternteil gekommen. Ich habe mit der leiblichen Mutter angefangen, Yoga zu machen. Ich glaube, wir waren auch einmal mit im Geburtshaus. Ich kann mich nicht mehr so gut an alles erinnern.

Mit dem leiblichen Vater ergab sich nicht so viel Austausch, er war einfach so viel weg, arbeitstechnisch. Mit dem Co-Vater und der leiblichen Mutter stand ich mehr im Kontakt, am intensivsten mit dem Co-Vater. Ich meine mich an ein Gespräch zu erinnern, als wir merkten, dass wir das Gefühl haben, dass wir das Kind kriegen, weil wir uns da so voll drauf freuen und auf das Kind einstellen. Und die andern beiden das eher noch so ein bisschen weghielten. Also auch die leibliche Mutter meinte mal, sie lässt jetzt grade diesen Zeitpunkt verstreichen, bis zu dem ein Abbruch noch möglich wäre, hat aber trotzdem kein klares ›Ja‹. Aber zwei total klare ›Ja‹ waren halt da!

Almut: Habt ihr zusammen eure Elternschaft geplant oder worüber habt ihr euch ausgetauscht?

Sophie: Ja, wir haben überlegt, wie das sein wird. Da war schon ein Gedanke von mir und dem Co-Vater, dass vielleicht eher wir diejenigen sein werden, die am Start sind, weil wir halt Bock darauf hatten und die anderen gefühlt nicht so viel. Wir haben es so wahrgenommen, dass die anderen schon da wären, den Hauptteil der Arbeit und des Kümmerns wir aber leisten würden.

Aber dann … Wahrscheinlich war das so im vierten oder fünften Monat der Schwangerschaft. Die beiden leiblichen Eltern sind über Ostern zu ihren Familien gefahren und ich bin nicht mitgefahren, obwohl ich dort auch schon mal mit dabei war. Und als sie wiederkamen, war alles anders.

Ich weiß nicht genau, was passiert ist. Meine Vermutung ist, dass es eine Kombination war: Die Eltern haben denen ins Gewissen geredet und sie haben sich dann doch mit dem Kind connectet und als Eltern verbunden gefühlt. Es war spürbar, dass es jetzt ins Wanken kommen würde. Und dann irgendwann kam die Ansage, dass die beiden unsere Co-Elternschaft nicht mehr wollen. Ich habe mich geärgert, dass ich da nicht mit hingefahren bin, weil ich dachte, vielleicht hätte sich so eine Trennung verhindern lassen! Jetzt, im Nachhinein, denke ich, dass es besser war, dass es sich gleich so am Anfang – also vor der Geburt – geklärt hat und nicht erst, als das Kind schon da war und dann irgendwie hin- und hergerissen worden wäre. Von daher ist es eigentlich gut, dass es dann doch so schnell gescheitert ist. Aber damals habe ich es sehr bereut, die da irgendwie alleingelassen zu haben.

Almut: Aber das war ganz klar? Die Entscheidung der beiden leiblichen Eltern stand und euch haben sie kommuniziert, dass ihr doch keine Co-Eltern sein könnt?

Sophie: Ja. Also das war einfach eine Ansage, es gab auch keine Diskussion.

Nicola: War euch das auch klar? Also war das genau die Abhängigkeit, von der du am Anfang gesprochen hast, die du da bestätigt gesehen hast? Oder warst du eigentlich überrumpelt, dass sich das noch so ändern kann? Hast du überlegt, noch irgendwas zu probieren?

Sophie: Also ja, ja und nein. Das war natürlich die Befürchtung. Und ich war total überrumpelt, weil ich mit der Absage nicht gerechnet hätte. Ich habe es bei ihrer Rückkehr zwar gespürt, war aber dann mega enttäuscht – dass sie das tun konnten.

Mein ›Ja‹ zu dem Kind hätte ich niemals zurückgenommen: Ich sag nicht ein Mal zu einem Kind ›Ja‹ und dann wieder ›Nein‹. Mein Kind ist mein Kind für immer. Aber sie konnten eben zu uns als Co-Eltern nein sagen und das ist natürlich was anderes. Und ich glaube, diesen Unterschied hatte ich nicht so gecheckt. Ich dachte, dadurch, dass ich nicht nein sagen würde, sagt das auch niemand zu mir oder würde mir jemals wieder die Mutterschaft absprechen.

Ich habe nicht gekämpft oder diskutiert, ich habe nicht drüber nachgedacht, das überhaupt zu tun. Das hätte nur riesiges Leid verursacht für alle und letztlich vor allem für das Kind.

Nicola: Wie war es für den anderen Co-Elternteil?

Sophie: Ich habe das Gefühl, als hätte da ein Schweigen eingesetzt.

Nicola: Vor lauter Baffheit oder Traurigkeit? Desillusionierung?

Sophie: Ja, wahrscheinlich. Ich glaube, dass er auch wütend war, ich weiß es nicht genau. Ich glaube, er ist total aus dem Kontakt mit den leiblichen Eltern gegangen, während ich mittlerweile schon wieder Kontakt habe.

Almut: Mich würde noch interessieren, wie euer Verhältnis vorher war, also mehr im Detail. Hattet ihr eine gemeinsame Basis von Intimität – also nicht unbedingt sexuell, sondern hattet ihr eine Art von Liebe untereinander, langjährige geteilte Erfahrungen?

Sophie: Wir haben ein paar Jahre zusammengelebt. Ich denke, der leibliche Vater war zu diesem Zeitpunkt schon ganz schön raus aus der Gruppensituation, weil ihn seine Arbeit so aufgesogen hat und er dafür teilweise sehr wenig Verständnis aus der Gruppe bekommen hat und sich einfach oft nicht mehr so willkommen gefühlt hat. Ich kann mich aber erinnern, dass es vorher schon kuschelige Moment mit ihm gegeben hat, dass gerade in der Anfangszeit des Gemeinschaftslebens eine euphorische und liebevolle Stimmung präsent war und man sich schon mal zu einem Film oder so zusammen ins Bett gekuschelt hat. Die leibliche Mutter und wir beiden Co-Eltern waren schon näher. So, dass man sich sehr liebevoll verbunden gefühlt hat – denke ich. Bei mir hat sich während dieses Co-Elternschaftsprozesses eine Art Verliebtheit zu dem Co-Vater entwickelt. Ich mochte den eh voll und durch diese Verbindlichkeit ist das mehr geworden. Man verbindet sich ja fürs Leben und sich da so drauf einzulassen und zu sagen, wir freuen uns da voll drauf; dieses Gefühl, zusammen ein Kind zu bekommen, hat bei mir zu dieser Verliebtheit geführt.

Almut: Wie ging es weiter mit euch, nachdem die leiblichen Eltern die Ansage gebracht haben, dass die Co-Elternschaft doch nicht erwünscht ist?

Sophie: Es war schnell klar – ich weiß nicht, ob das vonseiten der leiblichen Eltern aus eh klar war oder ob ich das als Wunsch kommuniziert habe –, dass sie relativ schnell gehen mussten. Also so, dass das Kind nicht bei uns geboren wird. Denn ich glaube, dass es sehr schwer für uns gewesen wäre, mit der Geburt zu Hause umzugehen.

Nicola: Das heißt, die Entscheidung gegen die Co-Elternschaft war auch eine Entscheidung gegen diese Gemeinschaft.

Sophie: Genau. Und eine Konsequenz war es, dann schnell gehen zu müssen. Aber die leiblichen Eltern haben schon auch vorher gemerkt – also der Papa –, dass er sich in der Gemeinschaft nicht mehr so wohl gefühlt hat, und beide, dass sie perspektivisch nicht dort leben bleiben wollen. Und das war wohl auch ein Grund, die Co-Elternschaft zu beenden, um keine absehbare Patchwork-Situation haben zu müssen. Dann hätten sie sich ja an uns und die Gemeinschaft gebunden und hätten nicht so frei, ohne Verhandlungen, gehen können.

In einem Gespräch hat mir der leibliche Vater später gesagt, dass ihm im Nachhinein bewusst geworden ist, dass er sich die Elternschaft mit dem Co-Papa nicht gut vorstellen konnte und dass er sich in dem Projekt eben auch nicht mehr wohlgefühlt hat. So habe ich auch gemerkt, dass es gar nicht generell das Nicht-Wollen der Co-Elternschaft war oder zumindest nicht das von mir als Co-Mutter, das zur Absage geführt hat. Ich habe bedauert, dass es für die leiblichen Eltern keine Option gewesen war, mich zu fragen, ob ich mitgehe. Für mich war die Entscheidung für das Kind die primäre Entscheidung, allem anderen vorangestellt. Ich hätte diese Landkommune definitiv aufgegeben, um dann mit dem Kind und der restlichen Familie zusammen an einem anderen Ort zu leben.

Nicola: Denkst du, die leiblichen Eltern haben deine Bereitschaft zur Co-Elternschaft unterschätzt?

Sophie: Das müsste ich die beiden tatsächlich nochmal fragen. Ich glaube, dass sie die Co-Elternschaft einfach insgesamt nicht mehr wollten. Und dass es eine Kombination war. Wahrscheinlich haben sie mich in dem Punkt unterschätzt. Darüber, dass wir auch als Elternverbindung gemeinsam hätten gehen können, haben sie vermutlich gar nicht nachgedacht. Nur darüber, dass es ein Pendeln für das Kind geben würde und dass sie das dem Kind und sich selbst nicht hätte zumuten wollen.

Almut: Für mich ist es schwer, nicht ganz viele Fragen zu stellen. Ich höre das und denke, da hätte man einfach über ganz viele Sachen reden müssen! Und es klingt fast so, als hättet ihr wenig geredet, und das bei so einer wichtigen Sache wie gemeinsam ein Kind zu kriegen.

Sophie: Ja, das stimmt. Und es ist jetzt auch noch so! Als ich die Mutter gefragt hab’, ob es ok ist, dass ich das Interview gebe, und wir ein bisschen drüber gesprochen haben, um auch nochmal ein paar Eckdaten abzuklären, habe ich gemerkt, dass ich an einige Punkten noch ganz schön vorwurfsvoll bin. Danach bin ich nochmal kurz zu ihr gegangen, um ihr zu sagen, dass es gut ist und für das Kind das Beste, wie das letztendlich gelaufen ist. Weil ich das Gefühl hatte, dass meine Verletzung, so wie ich dann mit ihr geredet habe, vielleicht zu stark rüberkam. Ich meine, ich finde natürlich mega blöd, wie das gelaufen ist, und denke trotzdem, dass es für das Kind das Beste ist. Beide Gefühle existieren.

Nicola: Wie ging es dir dann, als dir bewusst wurde, dass es doch nicht dein Kind sein wird?

Sophie: Ich bin erst mal in ein Loch gefallen. Ich hatte mich ja in kurzer Zeit so reingedacht und meine Zukunft dahingehend geplant und dann war diese Zukunft halt weg. Ich bin dadurch wirklich in eine Krise geraten, in der ich total verunsichert war, auch in der Kommunikation mit den anderen Menschen in der Landkommune, innerhalb derer ich ja mit einer kleineren Gruppe eine gemeinsame Ökonomie hatte. Und auf einmal kam ich mit niemandem mehr klar. Und ich bin krank geworden, ich hatte so eine Art Nervenleiden, zuckende Nervenenden. So, dass ich irgendwann nur noch gedacht hab: einfach nur weiteratmen. Es war eine unglückliche Kombination, dazu kam die Verliebtheit von mir in den anderen Co-Elternteil, bei der zu der gleichen Zeit klar wurde, dass sie nicht erwidert wird. Es war ein doppelter Verlust. Also nicht nur des Kindes, sondern auch dieser ganzen Familiensituation. Ja, irgendwie Familie, es ist zwar ganz schnell passiert, aber es war trotzdem so wahnsinnig intensiv und dann auf einmal nicht mehr da.

Almut: Wie haben sich eure Wege danach nochmal gekreuzt?

Sophie: Ungefähr zwei Jahre später. Erstmal hatten wir nicht so viel Kontakt, er ist nicht ganz abgebrochen, war aber so sehr distanziert, dass das auf jeden Fall irgendwie klar war, dass ich mit dem Kind nichts zu tun hab’. Das war wahrscheinlich für beide Seiten erst mal wichtig, um sich nicht zu nahezutreten. Ich wollte auf keinen Fall in die Position kommen, um eine Verbindung zu diesem Kind zu kämpfen. Hätte ich das eingefordert, wäre ich in meiner Vorstellung den Eltern damit zu nahegetreten. Als würde ich denen etwas streitig machen. Das hat mich gehemmt. Aber natürlich war ich auch einfach total verletzt.

Der Kontakt war oberflächlich, wir haben auch nicht weiter darüber gesprochen.

Nicola: Wieder zurück in die Zeit vor der Absage: Wie reagierten denn die potenziellen Großeltern auf deine Entscheidung, das Kind mitzubekommen?

Sophie: Die einen Großeltern, die auch wirklich Großeltern geworden sind, waren voll freundlich zu mir. Aber mit denen habe ich da nie so drüber gesprochen. Von der anderen Oma wurde mir schon kommuniziert, dass sie mir dankbar ist, weil man nicht weiß, ob es ohne mein ›Ja‹ dieses Kind gegeben hätte, und dass sie auch dankbar ist, dass ich mich nach dem ›Nein‹ zur Co-Elternschaft leise zurückgezogenen habe. Ich hätte ja auch Sturm machen können.

Meine eigene Mutter fand die Co-Elternschaft bescheuert (lacht) und mein Vater war entspannter, beziehungsweise hat er die Co-Elternschaft kaum realisiert.

Almut: Vielleicht weil sie vollkommen abwegig erschien?

Sophie: Vielleicht. Ich glaube, dass bei meiner Mutter auch Ängste im Spiel waren, mit diesem Kind keine Verbindung zu haben, weil es nicht von ihr ist, biologisch oder so. Und Ängste, mich mehr in die Gemeinschaft zu verlieren, in der sie sich nie so wohl und willkommen gefühlt hat. Es war schwer für sie, dass mein Zuhause kein Ort war, wo sie sich wohlfühlen konnte. Ich könnte mir vorstellen, dass die Ablehnung auch daher kam.

Nicola: Wie ist die Gemeinschaft, in der ihr gelebt habt, mit der ganzen Idee umgegangen: Die leiblichen Eltern waren an die ganze Gruppe herangetreten und haben die Frage nach der Co-Elternschaft gestellt. Wirklich haben sich zwei gefunden. Hat das auch bei den anderen Bewegung ausgelöst?

Sophie: Ja, tatsächlich hat eine Person, die immer sehr gegen Kleinfamilien war, nach dem Motto reagiert: »Wenn ihr das macht, zieh ich aus.« Ich weiß gar nicht, warum. Vielleicht, weil es dann so etwas wie eine große Familie in diesem Projekt gegeben hätte, sodass die Einzelpersonen, die nicht familiär verbunden sind, sich davon bedroht fühlten, nicht dazuzugehören. Das fand ich wahnsinnig schade, weil ich dachte: Da machen wir endlich mal was anderes als nur so Kleinfamilie – weil die bisher geborenen Kinder immer nur von einem Paar, das aus Mann und Frau bestand, also ganz traditionell, innerhalb der Gruppe geboren und auch erzogen wurden – und gerade diese Person war ja stark für die Auflösung solcher Modelle.

Ich hab’ mich bei der Idee der Co-Elternschaft aber auch von einigen, die sie gut fanden, unterstützt gefühlt. Vor allem von einer Person.

Almut: Wurde die Absage denn in der Gemeinschaft noch mal reflektiert?

Sophie: Ich erinner’ mich grade an die Person, von der ich gesagt hab’, dass sie mich unterstützt hat, dass die sich ziemlich klar positioniert hat – zumindest mir gegenüber. Sie meinte, dass das echt beschissen ist, was die gerade mit mir gemacht haben, und dass ja irgendwie klar sein muss, dass die jetzt ganz schnell ausziehen. Ich weiß nicht mehr genau, wie das mit dem Ausziehen kam – kann schon sein, dass der Impuls eben von dieser Person kam. Aber wie doll das tatsächlich im Plenum und innerhalb der Gruppe kommuniziert wurde … also ich habe das Gefühl, das ist an den andern ein bisschen vorbeigegangen, zum Teil. Also ist es tatsächlich nicht so ein Politikum geworden.

Nicola: Ist Elternschaft eine Privatsache gewesen?

Sophie: Ja irgendwie schon und irgendwie auch nicht. Es war schon ganz viel Thema, vielleicht muss ich noch mal andere fragen, aber ich kann mich nicht daran erinnern, dass das Ende der Co-Elternschaft auf dem Plenum nochmal kommuniziert wurde. Es ging einfach immer viel um Bau, Bau, Scheune, Orga, Bau, Orga, also nicht so: »Oh scheiße, wir haben ein riesiges Problem, lass mal ne Mediation machen!«.

Almut: Würdest du sagen, dass solche gemeinschaftlichen Projekte viel zu komplizierte Settings sind, um so etwas Schwieriges realisieren zu können wie eine Co-Elternschaft?

Sophie: Es kommt vielleicht auf die Gruppengröße an. Ich glaube, zu viert hätte ich es schon realistisch gefunden. Vielleicht wäre es auch zu dritt tatsächlich noch realistischer gewesen. Und ich glaube, alles, was über vier Eltern hinausgeht, geht eher so in Richtung von Patenschaften. Ich hatte zum Beispiel mit einer Mutter in der Gemeinschaft eine Zeitlang einen Deal, bei dem ich einen Tag in der Woche auf das Kind aufgepasst hab’. Das hat in der Zeit total gut funktioniert. In dieser Weise kann eine Gruppe sicher viel tragen oder unterstützen. Es muss ja auch nicht ein ganzer Tag sein, sondern kann auch ein Abend oder am Wochenende ein Ausflug sein – so kann man Elternschaft cool entzerren und erleichtern.

Nicola: Worum geht es denn bei der Idee der Co-Elternschaft? Jetzt mal abgesehen davon, dass es vielleicht praktisch ist, dass Lasten und Verantwortungen sich auf mehrere Schultern verteilen …? Und Eltern in Kleinfamilien ja real oft völlig überfordert sind – von Alleinerziehenden mal ganz abgesehen. Gibt es auch einen Lustgewinn, kann es auch sozusagen das noch viel schönere Modell sein, als nur in einer gut funktionierenden, stabilen Paarbeziehung zu leben?

Sophie: Ja, das glaube ich definitiv! Ich würde schon davon ausgehen, dass es sich für die Mutter am Anfang schön angefühlt hat, weil der Vater ja wenig da war. Dann einfach nicht allein durch so ’ne Schwangerschaft zu gehen, supportet zu sein, im Wochenbett und auch einfach so. Ich meine, man braucht so viel Unterstützung als leibliche Mutter, diese Zeit ist einfach so krass kräftezehrend. Und es ist auch mega überfordernd für die zweite Bezugsperson, ihre Aufgabe allein zu stemmen. Es sind dann eben einfach noch ein oder zwei Personen mehr, die alles machen können.

Es ist ja auch einfach schön, geliebt zu werden. Diese Unterstützung ist ja mit einer Liebe und Zuneigung verbunden. Und zu unterstützen und da zu sein, ist ja auch damit verbunden, selbst Liebe und Zuneigung zu bekommen. Ich meine, was ist denn das für ein Geschenk, wenn jemand sein Kind mit mir teilt und mich so sehr mag, dass er sich das vorstellen kann, mit mir sein Leben zu verbringen und mit mir sein Kind großzuziehen! Mega die Ehre. Oder es zeigt voll, ich werd’ geliebt oder gemocht. Beziehungen und Freundschaft, das ist ja der Reichtum, den man hat. Und ob das jetzt zu einem Kind ist oder zu Erwachsenen – du bist halt einfach in einer liebevollen und zuverlässigen Verbindung. Und das finde ich auch das Gute daran, nicht so wie in den polyamorösen Tendenzen zu sagen: »Ja, solange es sich gut anfühlt, haben wir’s schön miteinander und dann such’ ich mir wen anders, wenn’s kompliziert wird.« Und ich find’s halt total schön, wenn es außerhalb von biologischer Familie verlässliche Verbindungen gibt, die, auch wenn es kompliziert wird, halten. Aber das ist meine Utopie, die leider nicht Realität geworden ist. Wenn man sich aufeinander verlassen kann, ist es ja bereichernd für alle.

Nicola: Ich habe den Eindruck, dass da der Staat und das Recht in der Situation eine Rolle spielen. Also wenn du sagst, es war das Beste, sich zurückzuziehen, dann stelle ich mir vor, deine Einschätzung hängt damit zusammen, dass es ja auch aussichtslos war und auch deswegen so ein schlimmer Streit hätte werden können. Würde der staatliche oder Rechtsapparat solche Konstellationen gesetzlich regeln, dann hätte das sicher dazu geführt, dass den leiblichen Eltern die Ernsthaftigkeit bewusster gewesen wäre.

Sophie: Aber ich glaube, dass es in meiner Situation – oder überhaupt – die Basis der Co-Elternschaft ist, dass die leiblichen Eltern meine Elternschaft wollen. Und wenn der Wunsch nicht da ist, auf welcher Grundlage soll ich meine Elternschaft begründen: auf meinen Emotionen? Also das fühlt sich total strange an, vielleicht sogar übergriffig.

Nicola: Ist es nicht merkwürdig, dass du von Übergriffigkeit sprichst? Wenn es einen leiblichen Vater gibt, bei dem die Mutter sagt: »Nee, mit dir will ich doch nicht«, ist es doch normal und gesetzlich geregelt, dass er ein Umgangsrecht hat. Ich denke, nur, weil es bei dir rechtlich nicht abgesichert war, kannst du deine potenzielle Elternschaft als übergriffig empfinden.

Sophie: Ja, krass, wie so ein gesellschaftliches Konstrukt mir Schuldgefühle eingibt.

Vielleicht hätte man rein theoretisch sagen können, die Co-Eltern adop­tieren das Kind, damit es rechtlich das Kind der Co-Eltern wäre. Dann wäre die rechtliche Grundlage umgedreht worden – ich glaube, das wäre ein geschickter Schritt gewesen, aber rechtlich kompliziert bis unmöglich. Was dann auch diesen Bewusstseinsprozess von den leiblichen Eltern forciert hätte – denn wenn sie es wirklich ernst gemeint hätten, hätten sie es natürlich gemacht. Wir haben’s ja auch wirklich-wirklich ernst gemeint und haben uns auch in diesen Raum ohne Recht oder Ansprüche begeben und trotzdem unser Herz und unser Leben reingegeben.

Dann hätten die leiblichen Eltern zumindest den sozialen und gesellschaftlichen Background, dass ihnen niemand abstreiten würde, Eltern zu sein. Und wir hätten zumindest die rechtliche Legitimierung gehabt, Eltern zu sein.

Almut: Wie plausibel erscheint dir nun die Vorstellung von Co-Elternschaft vor dem Hintergrund deiner Erfahrung – und der neuen Erfahrung, dass du jetzt selber ein Kind hast?

Sophie: Trotz allem erscheint es mir noch plausibel. Ich glaub’, man muss halt viel mehr reden. Und alle Eltern müssen, wenn sie ihr ›Ja‹ zur Co-Elternschaft geben, sich dieser Dimensionen bewusst sein. Und das waren halt in unserer Situation offensichtlich nur die Co-Eltern, aber nicht die leiblichen Eltern. Sonst hätten sie nicht nochmal zurückrudern müssen.

Man muss sich eben auseinandersetzen, so wie damals, als man noch mit den Großeltern zusammenlebte und Elternschaft deutlich erleichtert war, weil die sich mit um die Kinder kümmerten. Auch dann muss man sich ja mit seiner Schwiegermutter z.B. auseinandersetzen und hat’s überhaupt nicht leicht und so. Und der Vorteil bei Co-Elternschaft ist ja, dass man sich die Person aussuchen kann.

Nicola: Was braucht es, um eine Co-Elternschaft zu realisieren?

Sophie: Es braucht von allen Seiten ein ›Ja‹, das vermutlich nur da ist, wenn man sich liebevoll verbunden fühlt und sich vertrauen kann. Und es braucht eine große Bewusstheit über die Schwierigkeit und die Situation der andern – also wie schwer es ist für leibliche Eltern, das Kind zu teilen. Das ist für mich eine viel schwerer vorstellbare Rolle. Ein Kind zu kriegen, und das mit Menschen, mit denen ich noch nicht in einer Liebesbeziehung war, zusammen großzuziehen, kann ich mir schwerer vorstellen, als jemandem, den ich mag, aber noch nicht so supersuper gut kenne, zu sagen, ich bin mit am Start bei deinem Kind. Und dann braucht es auch einen Blick für die Situation von den Co-Eltern – diese totale Zerbrechlichkeit und Abhängigkeit. Mit der muss man auch super vorsichtig und verantwortungsvoll umgehen, weil man halt null rechtliche Grundlagen hat und null gesellschaftlichen Support. Niemand tröstet dich oder versteht dann, dass du ein Kind verloren hast. Ja, wahrscheinlich braucht man Liebe, Vertrauen, ganz viel Reden und Achtsamkeit. Und braucht so viel Sich-darüber-bewusst-Werden und Kennenlernen vorher, dass es wahrscheinlich auch Sinn macht, das schon vor der Zeugung zu planen. Wobei, es ist ja auch toll, spontan zu sein und das Leben das Leben sein zu lassen. Ich denke schon, es hätte auch funktionieren können.

Nicola: Würdest du es nochmal wagen, wenn nochmal jemand auf dich zukommen würde?

Sophie: Ja, wenn die Bedingungen stimmen würden.

Almut und Nicola: Danke dir sehr für das Gespräch.

Sophie: Danke für euer Interesse.

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