Kinder sind kein politisches Projekt

von Gunnar (von Nicola aus einer Erzählung und einer E-Mail zusammengestellt)

Ich bin kein Elternteil, aber das heißt ja nicht, mit Kindern nichts zu tun zu haben. Ich habe immer wieder mehr oder weniger viel Verantwortung für Kinder in kollektiven Lebenszusammenhängen übernommen. Insgesamt habe ich bei dem Thema große Enttäuschungen erfahren: Ich wurde enttäuscht und wahrscheinlich habe ich auch enttäuscht.

Beim Nachdenken über diesen Text habe ich schon viel geschrieben und wieder gelöscht.

Das Problem über das ich hier schreiben möchte, hängt damit zusammen, dass ich die Verantwortung für Kinder immer wieder als eine Art politisches Projekt betrachtet habe. Frei nach dem Motto: Kleinfamilie ist doof, und Kleinfamilien als Eltern alleine aufzulösen ist schwierig. Deswegen wollte ich diesen Prozess unterstützen. Kinder machen Arbeit. Meiner Erfahrung nach bleibt diese Arbeit oft an der jeweiligen Mutter hängen und das ist einfach ungerecht. Kinder sollten ihren Eltern nicht ausgeliefert sein und Eltern mit ihren Kindern nicht alleingelassen werden. Kinder zu begleiten und Beziehungen zu ihnen aufzubauen, gehört für mich zu der gelebten Solidarität eines linksradikalen Lebens. Bindungen sollten ohnehin nichts mit der biologischen Verbindung zu tun haben. Zwei Mal habe ich sehr ernsthaft versucht, eine besondere Rolle für ein Kind einzunehmen. Beide Male hatte das Kind eine praktisch alleinerziehende Mutter. Ich habe mit den Müttern Freund*innenschaften, aber keine Liebesbeziehungen geführt. Mein Ziel war nicht, Vater zu werden, sondern eine neue Rolle zu finden.

Meine Perspektive auf Familie und Care für Kinder sowie meine Vorstellungen zur Erziehung ergaben bestimmte Ideen und Fragen darüber, wie meine Beziehung zum Kind und zur Mutter gestaltet werden sollte. Ziehen wir zusammen? Brauchen wir den Vater eigentlich, der ohnehin zaudert? Wird gewürdigt, dass ich mehr bin als ein Babysitter? Mit welcher Perspektive auf das Leben und die Gesellschaft wächst das Kind auf? Darf ich die Erziehung also grundsätzlich mitgestalten? Ich hätte mir das gewünscht.

Dabei bin ich oft mit den Vorstellungen der Mütter aneinandergeraten und in diesen Kontroversen entwickelte ich eine Abneigung gegenüber der Mutterrolle… Ich assoziiere diese Rolle inzwischen mit einem Besitzanspruch auf Kinder und einem gesellschaftlich gefestigten Mythos, der die Suche nach neuen Formen von Bindung erschwert. Nach diesen Auseinandersetzungen habe ich nur noch zu einem der beiden Kinder, um die es hier vor allem geht, Kontakt gehalten. Irgendwann erkannte ich, dass die Verantwortungsübernahme für Kinder nur dann ein politisches Projekt sein kann, wenn es auch ein gemeinsames Projekt zusammen mit den Eltern ist. Die Rollen und Verbindlichkeiten, die ich da übernommen habe, waren nicht zielführend. Was daraus geworden ist, war für mich enttäuschend und belastend: Ich fühlte mich als nicht biologisch Verwandter der Kinder als Spielball der Zufälle ohne Absicherung und habe meinerseits im Konflikt meine persönliche, eigene Beziehung zu den Kindern nicht mehr fühlen können.

Kinder eignen sich nicht als politisches Projekt. Man kann nicht nur aus politischer Motivation heraus Verantwortung für Kinder übernehmen. Es muss zudem Spaß machen, die Beziehung zu den Kindern aufzubauen und zu halten. Und für den Teil, der ein politisches Projekt sein kann, bedarf es einer transparenten Absprache und einer Reflexion der Rollen, die die beteiligten Personen einnehmen. Dass die eigenen Kinder nur in der Nebensache ein politisches Projekt sein können, aber die Fürsorge für dieselben für mich oft vorrangig eine solches war, ist somit eine schlechte Voraussetzung gewesen.

1 Kommentar

  1. Hm, ich bin ja ein Fan von Pat*innenschaften. Die mögen zwar ursprünglich hier einen christlichen Hintergrund gehabt haben, aber das kann mensch ja für sich selbst definieren, wie die ausgestaltet werden sollen. Und selbst in der Kirche heißt es, zumindest bei den progressiven, dass eine Patenschaft eine Anerkennung in die Einsicht ist, dass Eltern alleine die Erziehung nicht schaffen können – das Kind wird formal in die religiöse Gemeinschaft mitaufgenommen, die Eltern sind nicht mehr alleine verantwortlich.
    Ansonsten ist dieser Satz einfach sehr irritierend: „Irgendwann erkannte ich, dass die Verantwortungsübernahme für Kinder nur dann ein politisches Projekt sein kann, wenn es auch ein gemeinsames Projekt zusammen mit den Eltern ist.“
    So hört sich der Beitrag an, als ob die eine Person Zugeständnisse gemacht hat, ohne dass es darüber gegenseitige, vielleicht auch doch nicht klar genuge Absprachen gab oder die mit weiteren Entscheidungen hätten einhergehen müssen (z.B. umziehen/zusammenziehen), die die biologische Mutter anscheinend gerade nicht treffen wollte. Und für eine biologische Mutter in diesem Land ist es einigermaßen riskant, sich auf nicht einklagbares verlassen zu müssen, im worst case macht sie sich auch zu einem Spielball, obwohl sie formal volle Verantwortung hat (und damit meist auch gefühlt). Das kommt trotz aller Legendenbildung zum Thema biologische Mutterschaft einfach erschwerened hinzu. Wie auch immer, in dem Textabschnitt stecken zu wenig Informationen, um das echt beurteilen zu können. Nur so ein Gedanke dazu beim Lesen.

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