Der Traum von der Gemeinschaftsküche

von Friedrich

Na gut, ich schreibe auch einen Text.
»Wir wissen Bescheid« steht im Mitmach-Aufruf – Klar.
»Patriarchat auflösen!« – Check.
»Kleinfamilie überwinden!« – Ja, warum nicht – hatte zumindest auch nie Bock, wie meine Eltern zu leben.
»Reproduktionsarbeit teilen!« – Nie gehört.
»Guter Einstieg, um hier mitreden zu wollen.« – Sagt Almut.

Als sich überraschenderweise unser Kind ankündigte, wohnte ich gerade in einem Hausprojekt in einer Fünfer-WG und hatte noch kaum Gedanken an ein Leben mit Knirps verschwendet. Die Freundin wohnte damals um die Ecke in einem anderen Hausprojekt. Ich wollte auf jeden Fall, dass sich möglichst wenig ändert an meiner Wohnform. Denke: Nur weil ich jetzt ’n Kind hab, möchte ich nicht auf WG-Leben verzichten. Tatsächlich bildete sich bei mir im Haus dann – wir nannten es – »die Kinder-WG«.

Cast:
Ein Teilzeitpapa mit seiner vierjährigen Tochter.
Einmal Mama, Papa, einjährige Tochter. Nochmal Papa, Mama, fünf Monate alte Tochter.
Und wir Mama, Papa, Nochnichtda.

Setting:
Von Anfang an etwas eng und umständlich.
Drei Wohneinheiten über zwei Etagen, verbunden über ›öffentliches‹ Treppenhaus.
Eine Küche, immerhin drei Badezimmer. Wobei eines davon eigentlich von acht Leuten benutzt wurde. Ich glaube, das Einzige, was wir nicht zusammen im Bad gemacht haben, war kacken (also zumindest die Ü20-Fraktion).
Die Zimmer teilten nur die Familien unter sich.

Essenseinkauf und Reinemachen gemeinschaftlich organisiert:
Kaum zu glauben, wie viele Kilogramm Äpfel diese elfköpfige WG-Raupe in kürzester Zeit verspeisen kann und wie das Bad nach drei Tagen schon wieder aussieht.

Alles andere im freien Fluss.

Unsere Erziehungsstile:
Waren sehr ähnlich, wohl auch stark voneinander beeinflusst. Für Kon­flikte zwischen den Kindern haben wir sehr kompetent gemeinsame Lösungen gefunden. Ab einem gewissen Alter der Kinder hat es auch total gefetzt, mehr als ein Kind zu betreuen. Und wenn man abends raus wollte, fand sich immer jemand, der die Babyfonwache übernahm. Diesbezüglich hat’s wirklich gut gepasst.

Wir hatten ’ne gute Zeit.
Zumindest anfangs.
Zumindest die meisten von uns.
Zumindest dachte ich das lange Zeit.


Anfangs – als die kleinen Kinder noch nicht das Erwachsenenessen mitaßen – haben wir oft zusammen oder für alle gekocht. Mit der Zeit wurde das dann weniger. Das eine Kind musste nun schon um 11.43 Uhr sein Essen bekommen – Langsamesser – eine Stunde am Essenstisch – um dann um 12.50 Uhr in den Schlaf gekinderwagenkarrt zu werden, während das andere erst um 12.08 Uhr richtig Hunger hatte, aber nach zehn Minuten auch schon satt war und sofort im Tragetuch getreppensteigt werden musste. Das dritte wiederum … Und das vierte konnte sich mit so vielen Leuten in der Küche überhaupt nicht aufs Essen konzentrieren.

Und wenn ich ehrlich bin, war es für das erste Kind auch oft die totale Überforderung – Schreikrampf inklusive. Und für das zweite Kind war mittags okay, aber abends aß die Familie jetzt immer im Zimmer, weil sie sonst gar nicht zur Ruhe kam. Und für den einen Papa … der konnte den Trubel am schlechtesten ausblenden – der zog dann mit seiner Tochter schweren Herzens aus.

Gemeinsame Vereinzelung

Über die Zeit hat es die Kleinfamilien weit zerstreut, jede für sich hat ihren Lebensentwurf vorangebracht. Auch Trennung und neues Patchwork ist entstanden. Niemand lebt mehr mit WG-Küche. Alle haben besseres Essen im Kühlschrank. Bei manchen ist es sauberer als zu Kinder-WG-Zeiten, bei manchen weniger.

Bei allen hat sich mit der Zeit herausgestellt, dass WG-Küche und Kleinfamilie für sie nicht zu vereinen sind. Ich wollte es bis zum Schluss nicht wahrhaben und hab’ über Freunde geschimpft, die in ein Hausprojekt gezogen sind, wo jede Familie eine eigene Wohnung hat. Außerdem denke ich heute, ich habe die Bedürfnisse meines Kindes nach Ruhe und Struktur übergangen.

Und wenn ich ehrlich bin, war es für mich auch oft die totale Überforderung – ich habe es nur ausgeblendet. Ich wollte doch so leben – in Gemeinschaft; teilen, mitdenken, sorgen.

Friedrich denkt schon viel zu lange über die richtige Wohnform nach.
Groß-WG mit Kindern im Hausprojekt und Einzelwohnung hat er erlebt und sucht jetzt das Dazwischen.

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