Mütter gegen Kinder – Welche Schuld hättest du gerne?

Wenn Diskriminierungsformen gegeneinander ausgespielt werden

von Maria und Nicola

»Mütter gegen Kinder?« – So haben wir einen Workshop genannt, denn wir denken schon eine ganze Weile über eine gelungene Interaktion von Feminismus und Kinderemanzipation nach. In den Workshops, die wir geben, sprechen wir von Adultismus. Das bezeichnet die Diskriminierung von Kindern aufgrund ihres Alters. Kinder sind den Erwachsenen fast hilflos ausgeliefert und wir arbeiten gegen eine Kultur, in der sie abgewertet, bevormundet und lächerlich gemacht werden.

Bei einem dieser Workshops zum Thema fiel uns dann plötzlich auf, dass sich die Teilnehmer*innen recht klar in zwei Fraktionen einteilen ließen: Etwa die Hälfte waren gestandene Feminist*innen und hatten sich mit dem Problemfeld Adultismus noch wenig bis gar nicht beschäftigt. Bei der anderen Hälfte war es genau umgekehrt, sie waren gestandene Kinderrechtler*innen, denen Feminismus noch wenig sagte. Und bei beiden Fraktionen spürten wir zu Beginn ein gewisses Misstrauen gegenüber der Antidiskriminierungsarbeit, mit der sich die jeweils andere Seite identifizierte. Das Ziel unseres Workshops war ein Schulterschluss zwischen Feminismus und Kinderemanzipation. Wir wollten den vermeintlichen Widerspruch zwischen den beiden Formen der Antidiskriminierungsarbeit betrachten und infrage stellen – und nun spiegelte sich genau diese Kluft in der Zusammensetzung der Gruppe wider. Beide Seiten schienen das Gefühl zu haben, die andere Seite könnte ihnen die Butter vom Brot nehmen. Dies bestärkte uns in unserer Neugier.

Ist es etwa tatsächlich so? Wer Feminist*in ist, kann keinen Wert mehr auf Kinder legen? Wer Kinder als vollwertige Menschen ernst nimmt, hat keine Zeit mehr für Feminismus? Unser Gefühl ist ganz klar: Wir wollen uns nicht dazu zwingen lassen, uns entweder auf die Seite der Mütter oder auf die der Kinder zu stellen. Warum aber steht diese Entscheidung im Raum? Wie ist sie entstanden? Und wie kann man sich gegen diese Zumutung zur Wehr setzen, oder noch besser – sie überwinden?

Versionen des Scheiterns

In vieler Hinsicht ist uns Muriel, bei der wir als Kinder viel Zeit verbrachten, ein Vorbild. Muriel, heute 69 Jahre alt, hatte eine von Angst und Unverständnis geprägte Kindheit in Westdeutschland. In der Schule und in der Nachbarschaft war sie umgeben von autoritären Alt-Nazis. Sie, selbst Kind, versorgte ihre jüngeren Geschwister und litt unter den oft grausamen Hänseleien ihrer wenig beaufsichtigten Brüder. Armut, sinnlose Gebote und Strafen prägten diese Zeit.

Muriel wurde zu einer großen, klugen und überzeugenden Anwältin von Kindern. Nicht aus Erfahrung schöpfend, sondern aus eigenen Überlegungen heraus entwickelte sie einen radikal respektvollen Umgang mit ihren eigenen Kindern – und allen anderen Kindern, denen sie in Zukunft begegnen sollte. Als Kinder waren wir oft in ihrem Garten, in dem unserer Fantasie keine Grenzen gesetzt waren. Es gab gesundes Essen, aber keinerlei Zwang, irgendetwas davon zu sich nehmen zu müssen. Muriel arbeitete mehrere Jahre lang nicht für Geld, und dann so, dass sie trotzdem viel zu Hause sein konnte. Seit wir sie kennen, führen wir lange und schöne Gespräche mit ihr. Sie hatte echtes Interesse an uns und sie war auf unserer Seite, das hat uns stark gemacht. Ihre Tochter sagte einmal, sie sei mit der Überzeugung aufgewachsen, dass für sie alles möglich sei.

Das lag unter anderem auch an den klar feministischen Überzeugungen ihrer Mutter, die unermüdlich vermittelte, wie und warum die sexistischen Gegebenheiten, die beide umgaben und umgeben, völlig inakzeptabel sind. Inzwischen ist diese Tochter selbst Sorge-Berechtigte von Kindern, sorgt sich aber weiterhin auch um sich selbst, um die Welt und nicht zuletzt um ihre starke und großherzige Mutter. Jetzt, als Erwachsene, beschleicht sie die Vermutung, dass ihre Mutter das Gefühl der Grenzenlosigkeit ihrer Tochter manchmal mit der Überschreitung ihrer eigenen, persönlichen Grenzen bezahlt hat. Die Tochter kämpft mit ihrer Mutter darum, dass sie sich ihren Enkeln gegenüber besser zu behaupten lernt. Und hält ihren radikalen Respekt trotzdem für richtig. Jetzt, mit fast siebzig, ist Muriel noch einmal ganz anders aktiv geworden: Sie stößt Projekte an, die mehr Nachhaltigkeit und mehr Gemeinschaft in ihrer Wohngegend etablieren und die ganze Nachbarschaft zum Positiven verändern. Ihre große Intellektualität erprobt sie immer noch am liebsten im Nahbereich – mit den Kindern von damals, bei denen sie sich durch ihr Einfühlungsvermögen so eindrücklich Gehör verschafft hat. Dieser Umgang mit Kindern war ein großer Fortschritt gegen Diskriminierung.

Um respektloses oder gewaltvolles Verhalten Kindern gegenüber zu bezeichnen, gegen das sie sich so zur Wehr setzte, haben wir später das Wort Adultismus anzuwenden gelernt. Wir arbeiten also gegen Adultismus. ManuEla Ritz hat dieses Wort geprägt, sie ist eine Antidiskriminierungstrainerin, die über ihr Engagement gegen Rassismus auf Kinder gestoßen ist. ManuEla Ritz hält jene Erfahrungen von Ungerechtigkeit, die Kinder sammeln, sogar für den Ursprung aller anderen Diskriminierungsvarianten: Nur, weil alle Menschen von klein auf lernen, dass es normal ist, wenn Menschen unterschiedlich viel wert sind, können sie als Erwachsene ohne störende innere Konflikte die ungleiche Stellung von Menschen in der Welt ertragen. Denn auch Kinder sind ganze Menschen, und werden sie verletzt, wirkt das nach dem Ende der Kindheit weiter. Natürlich haben Kinder Besonderheiten, wie übrigens die meisten Menschen. Sie verändern sich rasant und lernen schnell dazu, sie sind besonders schutzbedürftig und müssen sich ausprobieren dürfen. Und doch haben sie den gleichen Anspruch auf Integrität wie Erwachsene. Es ist leichter, diese zu achten, wenn man seinerseits seit seiner Kindheit auf eine ungebrochene Integrität zurückblickt. Viele Erwachsene spielen jedoch mit Kindern Machtspiele, in deren Verlauf unzweifelhaft die Großen gewinnen, aber eigentlich alle verlieren: an Vertrauen und an dem Gefühl, Zugriff auf die Welt zu haben, sie im Kontakt zu anderen Menschen abwägend gestalten zu können.

Auf dergestalt veränderte Beziehungen zu Erwachsenen haben Kinder ein uneingeschränktes Recht. Muriel hat Kindern ihr Recht ermöglicht, indem sie einen mitunter schmerzhaften Kompromiss für ihr eigenes Leben eingegangen ist, was ihren Beruf betrifft. Das war ihre bewusste Entscheidung angesichts der Alternativen, die sich ihr boten.

Andere Frauen* ihrer Generation haben für sich einen anderen Umgang mit demselben Konflikt gewählt, indem sie zum Beispiel die neue Freiheit der zuverlässigen Empfängnisverhütung genutzt haben, um Nicht-Mütter zu bleiben und ganz neue Bereiche der Gesellschaft für sich zu erobern. Logischerweise handelt es sich dabei nicht um Menschen, denen wir als Kinder begegnet sind. Wir denken eher an berühmte Intellektuelle, Kultur- und Politikschaffende unserer Zeit. Simone de Beauvoir. Hannah Arendt. Ääh, Angela Merkel. Professorinnen, denen wir an der Uni begegnet sind. Auch dies war ein großer Fortschritt gegen Diskriminierung. Wir profitieren persönlich davon, denn wenige Menschen kommen jetzt noch auf die Idee, Frauen* öffentlich ihre generelle Eignung abzusprechen, sich in allen Bereichen des Lebens auszudrücken.

Das ist das Spannungsfeld, innerhalb dessen sich viele Frauen* und viele Mütter ein Leben aufgebaut haben. Doch in allen individuellen Versionen des gelebten Fortschritts blieb der Konflikt zwischen Feminismus und Anti-Adultismus weiter als Problem bestehen.

Der Kapitalismus frisst alles: Mütter

Auch wenn es keinen Anlass zu Zufriedenheit gibt: In den letzten Jahrzehnten sind große Errungenschaften der Antidiskriminierungsarbeit in einer breiten Gesellschaft angekommen. Selbstverständlich sind Frauen* ein essenzieller Teil der Arbeitswelt, selbstverständlich gibt es Gesetze gegen Gewalt an Kindern. Wissenschaftler*innen haben in der breiten Masse endlich begriffen, dass Frauen* keine halben Kinder sind und Säuglinge von Anfang an ein Schmerzempfinden besitzen. Aber nicht nur Frauen* und Kinder, sondern auch die Mechanismen des Kapitalismus haben von diesen Errungenschaften profitiert. Dabei gelingt es der Marktlogik jedoch, gerade die großen neuen Freiheiten in Eigenverantwortung und Schuld umzumünzen – und damit noch größere Zwänge zu produzieren.

In der kapitalistischen Gesellschaft etablieren sich jene Aspekte der Errungenschaften, die der Kapitallogik nützen. Wie durch Zauberhand lasten hingegen die Widersprüche, die sich aus dieser Logik zwangsläufig ergeben, dem Individuum an. Die Individuen, die den neuen, gewachsenen Ansprüchen nicht genügen können, werden dann gegeneinander ausgespielt, etwa so: Bist du emanzipiert, dann verfolge eine Karriere und blicke auf Hausfrauen herab; falls deine Karriere nicht klappt, bist du selbst schuld und belegst damit deine eigene Rückständigkeit. Oder so: Kümmert euch um Kinder, und zwar so, dass sie mit Blick auf ihre berufliche Zukunft optimiert werden. Allerdings gibt es keine optimale Entwicklung und keine optimale Förderung, sondern nur mehr Gelegenheiten als früher, vermeintlich wichtige Chancen für das Kind zu verpassen; und größere Konkurrenz mit anderen Kindern. Wenn ihr was verpasst, seid ihr übrigens auch in diesem Fall selbst schuld.

Feministische Forderungen lassen sich dort besonders gut durchsetzen, wo sie den Markt beleben. Das war zum Beispiel der Fall, als Frauen sich eine größere ökonomische Unabhängigkeit erkämpften, was zusätzliche Arbeitskräfte auf den Markt spülte. Seit das Alleinverdiener-Modell in Westdeutschland an Bedeutung verloren hat, ist die Arbeitszeit von Männern, die früher ja ihre Familie ernähren sollten, im Durchschnitt kürzer geworden. Das wird jedoch durch die zusätzliche Arbeitszeit von Frauen überausgeglichen. Rechenbeispiel: Angenommen, 1955 arbeitete ein Mann[1] 50 Stunden in der Woche, seine Ehefrau war Hausfrau. Mit 50 Wochenstunden ernährte man in den 50er-Jahren also eine Familie. 2015, 60 Jahre später, arbeitet ein Mann durchschnittlich 39 Stunden in der Woche, das ist viel weniger. Statistisch gesehen hat er aber eine Ehefrau, die 31 Stunden arbeitet. Insgesamt kommt das Paar damit auf einen Schnitt von 70 Stunden Wochenarbeitszeit. Das sind 20 Stunden mehr als noch vor 60 Jahren.

Selbst wenn diese 20 Stunden durch die Erfindung der Waschmaschine im Haushalt eingespart worden wären – kleine Kinder brauchen immer noch rund um die Uhr anwesende Erwachsene. Dass sich die Ansprüche an Erziehung und an die Arbeitskraft der Eltern gleichzeitig erhöht haben, ist denen, die im Familienalltag stecken, nur selten bewusst – es herrscht eher der Anspruch, dass allen alles möglich sein muss. Erst recht, wenn die richtige, emanzipierte politische Überzeugung vorhanden ist, steht der ungebremsten Selbstverwirklichung scheinbar nichts mehr im Wege. Weil der Tag aber heute wie damals nur 24 Stunden hat, heißt die gestiegene Arbeits-Zeit, dass woanders Zeit fehlt: Muße und Familienzeit. Zeit für Politik. Zur Gestaltung. Zum Rumsitzen und Innehalten. Und da in der modernen Welt jede ihres Glückes freie Schmiedin ist, wird das Scheitern an dem eklatanten Zeitengpass dann als persönliches Versagen interpretiert. Diese Gedanken erkennen wir selbstkritisch angesichts unserer eigenen Biografie: Wir sahen, dass unsere Mütter weniger arbeiteten als unsere Väter und dass sie eine Reinigungskraft beschäftigten. Gleichzeitig waren wir der Meinung, dass man seinen eigenen Dreck selbst wegputzen und sich die Zeit als Eltern gleich aufteilen sollte – Ideen, die wir durchaus von unseren Eltern vermittelt bekamen. Dass wir diese Ideale in der Praxis unserer Eltern nicht eins zu eins umgesetzt sahen, führten wir arrogant auf deren mangelnde feministische Überzeugung zurück. Und wir gingen in der Überzeugung auf die Zukunft zu, dass wir vollwertig für Geld arbeiten würden, politisch aktiv sein würden, unsere Freundschaften pflegen und Kinder haben könnten. Haben wir dabei einen Moment lang ans Badputzen gedacht? Obwohl das unserem Selbstbild nicht entsprach, dachten wir offenbar wirklich: Das bisschen Haushalt macht sich von allein. Was haben wir von unseren Müttern gehalten, welches Versagen haben wir ihnen unterstellt?

Heute stecken wir oft selbst in der Zwickmühle der Realität. Wenn wir uns aber bewusst machen, dass wir nicht nur unserem Gefühl nach, sondern objektiv messbar mit Aufgaben betraut sind, die allein in der Konstellation der Kleinfamilie nicht zu bewältigen sind, können wir gezielt nach neuen, alternativen, zusätzlichen Unterstützer*innen und nach besseren Modellen suchen. Dass das Leben von Kindern und Erwachsenen unter Wahrung der Rechte auf Entfaltung zum Scheitern verurteilt ist, muss vielleicht doch nicht der letzte Schluss sein.

Der Kapitalismus frisst alles: Kinder

Nicht nur die Ansprüche von Frauen*[2], auch das physische und psychische Wohlergehen von Kindern wird heute gesellschaftlich ernster genommen. Wir möchten an dieser Stelle darauf hinweisen, dass erst seit 500 Jahren von Kindheit als eigener Epoche im Leben die Rede sein kann, weil Kinder bis dahin ab dem Alter von sieben Jahren selbstverständlich zur Gesellschaft der Erwachsenen gehörten, mit denen sie lebten, spielten und schufteten. Das Wissen über die Entwicklung und die Bedürfnisse von Kindern hat seitdem enorm zugenommen. Kinder werden vermessen, gewogen, mit dem Durchschnitt verglichen. Sie bekommen furchteinflößende Prognosen gestellt. Sei es ihre Frustrationstoleranz oder ihre Bindung zu wichtigen Menschen – Kinder stehen in jeglicher Hinsicht unter der vorbeugenden Beobachtung durch die Eltern, die Medizin, durch staatliche Einrichtungen. Die Kindersterblichkeit ist beachtlich gesunken und Kinder erleben zum Glück weniger körperliche Gewalt als noch vor 60 Jahren.

Damit einhergehend sind aber auch die Ansprüche an alle, die mit Kindern umgehen, gestiegen. Überhaupt hat der – in vielerlei Hinsicht zu begrüßende – medizinische Fortschritt zu einem drastischen Umdenken in der Bedeutung geführt, die Kinder für ihre Familien und für die Gesellschaft haben: Kinder sind nicht mehr ein natürlicher und schicksalhafter Teil des Lebens, sondern eine Frage von Entscheidung und Verantwortung, eine Frage der Selbstverwirklichung. Sie kann in Begriffen von Scheitern oder Erfolg gemessen werden und auch hier lauert letztlich Schuld.

Die Ansprüche, die an Mütter gestellt werden, haben sich damit in den letzten 150 Jahren wesentlich erhöht. Das geschah im Westen gleichzeitig mit der wachsenden Erwerbstätigkeit von bürgerlichen Frauen* und der Möglichkeit von Familienplanung. Im Osten dagegen waren Mütter zwar häufig nach der vollen Lohnarbeit für den Haushalt allein verantwortlich und sie kümmerten sich wie die West-Frauen* hauptverantwortlich um die Kinder. Bis zu dem Abbau öffentlicher Einrichtungen und der Einführung west-kapitalistischer Lohnarbeitsverhältnisse hing über ihnen aber nicht zusätzlich das Damoklesschwert der schlechten Mutter, weil sie nachmittags kein die Kompetenz und Emotionalität förderndes Kinderprogramm beaufsichtigten. Ein großes Stück des Verantwortungskuchens für das aufwachsende Kind trug in den Augen vieler die Gesellschaft, in diesem Fall[3] verstanden als der Staat. Und obwohl es auch heute Kinderbetreuungs­angebote gibt, spielt die Verantwortung der Gesellschaft moralisch eine Nebenrolle. In unseren heutigen Welten heißt Mutter zu sein keineswegs: der*die ein Kind geboren hat, das nun ein Gesellschaftsmitglied mit eigenen Beziehungen und eigenen Rechten an die Gesellschaft ist. Sondern eine Mutter ist die Person, die in erster Linie allen voran und oft sogar allein verantwortlich dafür ist, wie ein Kind aufwächst.

Zu dieser Verantwortung gehört insbesondere die Verantwortung der Mutter für die Psyche des Kindes. Noch Sigmund Freud brachte psychische Störungen mit übermächtigen Vater-Bildern zusammen – die Mutter war (da als Frau ja nicht so ernst zu nehmen) von geringerer Bedeutung. Seitdem hat in der Theoriebildung jedoch die Mutter die umfassende Urheberschaft für die psychischen Probleme ihres Kindes errungen. In der modernen Entwicklungspsychologie geistert bis heute die Dyade aus Mutter und Kind, eine anfangs symbiotische Beziehung, zu der im angeblichen Idealfall der Vater hinzutreten wird, um mit ihnen gemeinsam eine Triade zu bilden. Nur damit erfüllt er seine spezifische Rolle; er weist dem Kind den Weg in die Welt, aus der Zweisamkeit heraus. Diese Anforderungen und solcherart unverdauliche Leitbilder laden das Gelingen der täglichen Entscheidungen im Umgang mit Kindern moralisch auf und schüren Versagensängste: Nur du, Mutter, hast dir dieses Projekt ›Kind‹ aufgehalst – jetzt musst du auch liefern; ein kleiner Mensch steht auf dem Spiel.[4]

Die Freiheit der Mutter in dieser Betrachtungsweise liegt darin, dass sie in einem Markt der Möglichkeiten zwischen verschiedenen Erziehungsangeboten wählen kann. Welcher Typ bin ich? Links oder nicht? Wähle ich das alte, als neu vermarktete Prinzip ›stiller Stuhl‹ und ›neue‹ Autorität oder passen Matsch-Kindergarten und anerkennende Sprache besser zu mir und meinem Stil? Mütter sind aufgefordert, sich selbst über ihre Erziehung auszudrücken, und sie haben ein vereinnahmendes Lebensprojekt vor sich.

Mütter, Kinder, Fremde

Die Vorstellung der übergroßen Verantwortlichkeit der Mutter entlässt umgekehrt alle anderen Menschen im Umfeld eines Kindes fast ganz aus der Verantwortung: Es gehört wesentlich weniger Anstrengung dazu, als engagierter Vater bezeichnet zu werden, denn als engagierte Mutter. Alle nicht direkt Angehörigen des Kindes bekommen sogar das Recht zugestanden, jederzeit von der Mutter eine Entfernung des Kindes (und damit in der Regel auch ihrer selbst) aus jedem öffentlichen Raum zu verlangen, der nicht explizit Kindern gewidmet ist. So finden sich Mütter von Babys plötzlich in einer Parallelgesellschaft wieder, die nur aus solchen Dyaden besteht, und stellen sich Fragen wie: Darf ich noch ins Museum gehen? Zum Geburtstag? Plenum? Ins Kino?

Alle nicht direkt Angehörigen des Kindes dagegen haben nicht nur das Recht, sondern auch die Pflicht, einen gebührenden Abstand zu halten: Vor Fremden werden Kinder gewarnt. Dann gibt es Begriffe wie ›Fremdbetreuung‹, der in ansonsten fortschrittlichen Erziehungskreisen (z.B. im Magazin Unerzogen) für jegliche Kindergärten und Kindertagespflegeeinrichtungen benutzt wird. Sollte davor tatsächlich auch gewarnt werden? Auch die immer neuen Erkenntnisse der Wissenschaft werden nicht als Allgemeinwissen an alle Gesellschaftsmitglieder vermittelt, sondern in der Form eines autodidaktischen Crashkurses in Literatur, Blogs und Broschüren gegossen, die sich ausschließlich an werdende Eltern richtet. Diese wissen bereits, dass sie demnächst regelmäßig mit Fragen zur ›altersgerechten‹, statistisch normierten Entwicklung konfrontiert werden, die alle paar Jahre völlig andere wissenschaftlich fundierte richtige Antworten haben. Was muss das Kind bereits können? Was, wann und wie soll es essen? Schlafen? Laufen? Schreiben? Elektronik bedienen? Welche aktuellen pädagogischen Konzepte sind, nun aus der objektiven wissenschaftlichen Sicht, die richtigen?

Wenn man keine Kinder hat, ist es gesellschaftlich akzeptiert und üblich, Kinder ›nicht zu verstehen‹, ihnen überhaupt nicht zu begegnen, nicht zu wissen, ›wie man mit Kindern umgeht oder spricht‹. Nachrichten an das Kind werden von Bekannten und Unbekannten gleichermaßen häufig als Nachrichten über das Kind an die Mutter formuliert. Aus der Perspektive der Schuldlogik ist das durchaus verständlich: Wenn jede Begegnung mit einem Kind potenziell einen Schaden generiert, den ich zu verantworten habe, braucht es schon einen guten Grund, damit ich mich mit dem Kind überhaupt beschäftige. Ich als Fremde*r stehe immer im Verdacht, eine Gefahr zu sein, habe also einen zusätzlichen Anlass, Kontakte mit Kindern über die Mutter abzuwickeln. Ein Schuldgefühl für die Nichtbeschäftigung mit dem Kind ist dagegen nach wie vor in der Regel den Müttern vorbehalten. Ich als Fremde*r darf und sollte mich aus der Affäre ziehen. Mütter jedoch! Mütter sollen mit dem Kind so eng sein, dass sie allein erkennen können, welche Erfahrungen es sinnvollerweise sammeln sollte. Fremde laufen Gefahr, sich schuldig zu machen, weil sie entweder nicht optimal oder sogar gefährdend mit dem Kinder interagieren, und sie können dieser Schuld entgehen, indem sie den Kontakt meiden. Mütter haben die Wahl zwischen der Schuld, sich nicht feministisch genug zu verhalten, und derjenigen, das Kind nicht optimal zu fördern bzw. es nicht ausreichend vor Respektlosigkeit zu schützen.

Da die Öffentlichkeit nicht befugt ist mitzuerziehen,[5] müssen die Sorgeberechtigten Erziehung so gestalten, dass Kinder in der Öffentlichkeit unsichtbar sind. Denn wie kann ich es als Mutter verantworten, mein Kind der gefährlichen Öffentlichkeit voller Fremder auszusetzen? Und wie kann ich es diesen Fremden zumuten, sie in die Nähe eines Kindes zu bringen, an dem sie vielleicht Schaden anrichten könnten? In letzter Konsequenz geht es für die Betroffenen dann nur noch darum zu entscheiden, wessen Interessen sie im jeweiligen Moment zu vernachlässigen bereit sind: ihre eigenen, indem sie das Kind unentwegt ganz leise unterhalten, oder die ihres eigenen Kindes, das still und stumm dasitzen soll, oder die der Öffentlichkeit, die dem geräuschvollen Spiel des Kindes ausgesetzt wird?

Gegeneinander ausgespielt: Welche Schuld hättest du gerne?

Bereits die Schwangerschaft ist der Auftakt dieses Ausspielens der Interessen der Mutter gegen die des Kindes. Dieses wird im Alltag an die Betroffenen herangetragen und endet frühestens mit dem Erwachsenwerden der Kinder. Es verbirgt sich zum Beispiel hinter unvermittelten Kommentaren wie: »Solltest du überhaupt Kaffee trinken?«, bei der Vorsorgeuntersuchung: »Möchten Sie wirklich verantworten, ein Kind mit Behinderung auf die Welt zu bringen?«, oder – nach einer Bemerkung über irgendeinen körperlich unangenehmen Aspekt der Schwangerschaft – »Na, das hast du dir ja selbst ausgesucht!«. Mittel des Ausspielens ist die Schuld, der innere Konflikt, der den Betroffenen jederzeit bewusst gemacht wird und dazu dient, ihre Handlungsmöglichkeiten zu reduzieren – Mutterschaft zeigt sich als eine endlose Reihe von Anforderungen, die sich auch noch widersprechen.

Neben dem Ausspielen, das sich im Alltag von Sorgeberechtigten niederschlägt, zeigt sich dieser Widerspruch auch auf theoretischer Ebene in der Antidiskriminierungsarbeit. Wenn die Mutter für alles verantwortlich ist, dann auch für die Kindheit ohne Adultismus: Aufgeklärte Eltern im Umfeld, ein besonderer Kindergarten, nur eine reformpädagogische Schule, ausgewählte Freundschaften fürs Kind. Ein Beispiel dafür war die ganz oben beschriebene Konstellation in unserem Workshop. Von einer der Teilnehmer*innen wurde dies ganz klar zum Ausdruck gebracht: »Ich habe die Wahl, entweder feministisch oder anti-adultistisch zu sein.« Denn wenn sie ihren Ansprüchen genügen will, den Kindern ein von Respekt geprägtes Aufwachsen ohne Zwänge zu bieten, muss sie rund um die Uhr sicherstellen, dass das Kind vor allen Personen und Strukturen, denen es begegnen könnte, ausreichend geschützt ist. Von der Außenwelt kann sie schließlich einen angemessenen Umgang mit Kindern weder voraussetzen noch einfordern. So führt eine berechtigte Kritik an der Institution Schule manchmal dazu, dass die Mutter ihre Kinder bei sich zu Hause frei lernen lässt – und sie damit zu einem noch größeren Prozentsatz selbst betreut als ohnehin üblich. Die alte Forderung an Mütter, sich für ihre Kinder aufzuopfern, die wir schon so gut kennen, taucht so in höchst aufgeklärten und alternativen Kreisen wieder auf – in theoretisch untermauerter und fortschrittlich verklausulierter Form.

Mitspielen, Weiterspielen

Der vermeintliche Widerspruch, der sich zwischen Anti-Adultismus und Feminismus aufzutun scheint, ist irreführend.[6] Der entscheidende Irrtum daran ist, sich Gerechtigkeit und Wertschätzung als Nullsummenspiel vorzustellen. Dieser scheinbare Widerspruch, der das Ausspielen verschiedener Diskriminierungsformen gegeneinander nach sich zieht, kann in Wirklichkeit nur entstehen, wenn man die zugrundeliegende stillschweigende Prämisse nicht antastet, dass die Privilegien der Begünstigten der traditionellen Machtstrukturen nicht oder höchstens von einer diskriminierten Gruppe behelligt werden dürfen. So ist es eine gesellschaftlich anerkannte Möglichkeit, als Frau* in dem Sinne feministisch zu sein, dass man sich beruflich verwirklicht. Es ist gleichfalls möglich, sich (als Mensch oder Mutter) für das Wohlergehen von Kindern einzusetzen. Solange dessen ungeachtet Mütter aber für ihre Kinder fast allein verantwortlich bleiben, wird ihr Einsatz für Kinder zu einer Privatsache und die Welt des Feminismus bleibt Müttern automatisch vorenthalten. Für beruflich sich verwirklichende Frauen* ergibt sich wiederum, dass ihr Wort zu Kindern nicht gilt und sie unter dem Verdacht stehen, die eigenen Kinder zu vernachlässigen. Wie alle anderen Berufstätigen auch bleiben sie dabei natürlich den ungleich machenden und entfremdenden Marktbedingungen unterworfen. Die stillschweigende Prämisse für den ›Widerspruch‹ zwischen Anti-Adultismus und Feminismus könnte ungefähr so lauten: »Eine feministische Gesellschaft ist bedauerlicherweise eine Gesellschaft ohne Kinder; eine Gesellschaft, die Kinder ernst nimmt, muss dafür leider allein Frauen* in die Pflicht nehmen.« Das ist das Nullsummenspiel, das sich nur daraus ergibt, dass der kapitalistische Mechanismus Menschen als Gegenspieler auf unterschiedliche Plätze verweist, und daraus, dass die Privilegien von Menschen, die weder Frauen* noch Kinder sind, nicht angetastet werden.

Diese und ähnliche Prämissen müssen wir zurückweisen und wir müssen Räume schaffen, in denen der Konsens herrscht, dass solche Ansprüche als unmenschlich verworfen werden müssen – zugunsten einer Kultur des mit-, bei- und füreinander Lebens.

Denn wir sind überzeugt, dass kein Mensch die Verantwortung für eine Schwangerschaft übernehmen kann, wenn man die Ansprüche an Mütter, so wie wir sie vorgefunden und dargestellt haben, ernst nimmt. Wir sind aber nicht gegen Schwangerschaften, sondern für Kinderrechte. Unsere Forderung lautet: Offenbar müssen alle Mitglieder der Gesellschaft einen Teil der Verantwortung übernehmen. Das kann besonders für Menschen, die bisher kaum Sorgeverantwortung übernehmen, wie eine Zumutung klingen. Doch die Zumutung verbindet sich auch mit der Verheißung, alle Menschen in einer neuen Weise in jene Solidarität und jenen Zusammenhalt einzubeziehen, die sich heute praktisch langfristig oft auf Kernfamilien beschränken – selbst, wenn diese unbeliebt sind. Es ist uns völlig klar, dass unsere Lösung, von der Gesellschaft zu fordern, sich viel stärker und viel zuverlässiger am Aufwachsen von Kindern zu beteiligen, auf Widerstand stoßen muss. Wir fordern einen breiten gesellschaftlichen Mentalitätswandel hin zu einer Welt, in der sich jedes Mitglied unabhängig von seiner individuellen Familienstruktur als Sorgetragende*r begreift. Und wir sind auch noch anspruchsvoll in der Form: Es genügt nicht, wenn alle Erwachsenen zuverlässige Beziehungen zu Kindern aufbauen, diese sollen auch noch anti-adultistisch informiert und von Respekt geprägt sein.

Wir sind gespannt auf eure gelebten Antworten.

 

Autor*innen:

Nicola und Maria wurden als Kinder in ihren Familien respektiert und wertgeschätzt. Diese Erfahrung wollen sie an die Kinder, die sie kennen, und besonders diejenigen, für die sie sorgen, weitergeben. Sie nehmen nicht nur Kinder, sondern auch weiterhin sich selbst ernst, und das ist schwieriger, als es sein sollte.

[1]       Keine Sternchen in der Welt der Statistik, die wir hier übernehmen – was in dieser alles nicht abgebildet wird, ist natürlich die Hälfte der Welt.

[2]       Hier endlich mit Sternchen, denn hier erst sind alle Frauen* in ihrer Gesamtheit und in ihrer Fluidität gemeint.

[3]       möglicherweise auch nur in diesem Fall.

[4]       Auch auf der Ebene der professionell mit Kindern befassten Berufe zeigt sich die gestiegene Verantwortlichmachung, die mit der Erfolgslogik einhergeht, zum Beispiel bei den exorbitant gestiegenen Versicherungskosten für Hebammen, die Geburten außerhalb von Kliniken betreuen. Auch hier wird implizit eine Schuld unterstellt: Die Geburt ist eine Frage von Erfolg und die Verantwortung für ein nicht planmäßig abgeliefertes Menschenleben kann eingeklagt werden. Auch dies wird von einer Marktlogik vorangetrieben, da hochtechnisierte Klinikgeburten mehr Verdienst generieren als Hausgeburten. Die Logik der Optimierung von Kindern, die sie möglichst fit für einen immer härteren Arbeitsmarkt machen soll, beginnt hier gewissermaßen bereits mit der Schwangerschaft und Geburt.

[5]       Manche Menschen in öffentlichen Verkehrsmitteln halten sich nicht an diese Regel, sondern kommentieren Schnuller, Niedlichkeit, Müdigkeit oder Erziehungsstil der Eltern. Es sind immer ältere Leute, eine andere Generation als unsere. Von Eltern in unserem Alter werden sie oft empört zurückgewiesen. Oft genug sind es Maßregelungen gegen Kind und Mutter, was soll man da auch anderes machen, als zurückzuweisen?

[6]       Er ähnelt dem Widerspruch, der von böswilligen oder ignoranten Vertreter*innen der traditionellen Privilegiertengesellschaft zwischen Feminismus und Antirassismus beschworen wird. Demzufolge würden uns vergewaltigungshungrige Männer drohen, sobald auch Menschen, die auf der Flucht vor Krieg und Verfolgung sind, sich frei bewegen dürften. Wir sollen die einen Menschen für die anderen Menschen opfern, während wir doch in Wirklichkeit versuchen, uns selbst und allen Beteiligten einen Platz am Tisch der Gesellschaft der echten Menschen zu schaffen.

 

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